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Sex und die Psyche: Was muss man wissen und was kann man tun?


In der heutigen Gesellschaft ist das Thema Sexualität oft immer noch etwas was hinter verschlossenen Türen besprochen wird. Doch für Angehörige psychisch erkrankter Menschen und für diese Zielgruppe selbst kann das Thema Sex und Libido zu einer großen Herausforderung werden. Psychische Erkrankungen können das sexuelle Verlangen und die sexuelle Funktion erheblich beeinflussen, was oft zu Spannungen und Missverständnissen in Beziehungen führt. Dieser Blogpost soll Angehörigen helfen, die Probleme besser zu verstehen und mögliche Lösungsansätze aufzeigen.



 


Prävalenz sexueller Probleme


Erhebungen aus dem Jahre 2020 ergaben, dass jeder zehnte Mann beziehungsweise jede dritte Frau im jungen Erwachsenenalter mit sexueller Dysfunktion zu kämpfen hat und jede dritte Person im hohen Alter. Somit kann die folgende Hilfestellung für eine beträchtliche Menge an Menschen sehr hilfreich sein, ob psychisch krank oder nicht.


Auswirkungen psychischer Erkrankungen auf die Sexualität


Psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Bipolare Störungen und Schizophrenie können die Libido und das sexuelle Verhalten auf verschiedene Weisen beeinflussen:


1. Libidoverlust: Viele psychische Erkrankungen gehen mit einem verminderten sexuellen Verlangen einher. Besonders bei Depressionen ist dies ein häufiges Symptom. Depressionen verursachen eine anhaltende Niedergeschlagenheit und ein allgemeines Desinteresse an Aktivitäten, die früher Freude bereitet haben, also auch Sex. Die hormonellen Veränderungen im Gehirn, die durch Depressionen verursacht werden, können die Produktion von Neurotransmittern wie Serotonin und Dopamin beeinträchtigen, die eine wichtige Rolle bei der Regulierung des sexuellen Verlangens spielen.


2. Sexuelle Dysfunktion: Neben der verminderten Lust kann es auch zu körperlichen Problemen kommen, wie Erektionsstörungen bei Männern oder Schmerzen beim Geschlechtsverkehr bei Frauen. Diese Probleme können durch die psychische Belastung selbst oder durch die Nebenwirkungen der zur Behandlung verwendeten Medikamente entstehen. Zum Beispiel können Angststörungen zu einer ständigen Anspannung führen, die es schwierig macht, sexuelle Erregung zu erleben.


3. Medikamenteneffekte: Psychopharmaka, die zur Behandlung psychischer Erkrankungen eingesetzt werden, können ebenfalls die Sexualfunktion beeinträchtigen. Einige Antidepressiva, insbesondere selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs), sind bekannt dafür, sexuelle Nebenwirkungen wie reduziertes sexuelles Verlangen, Schwierigkeiten beim Erreichen eines Orgasmus oder Erektionsstörungen zu verursachen.



Einfluss von Stress auf die Sexualität


Stress ist ein täglicher Begleiter von Menschen mit und ohne psychischen Problemen. Dementsprechend spielt er auch eine bedeutende Rolle in der sexuellen Gesundheit und kann verschiedene negative Auswirkungen auf die Libido und sexuelle Funktion haben.


1. Physiologische Reaktionen auf Stress: Wenn der Körper unter Stress steht, produziert er vermehrt Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol. Diese Hormone können das sexuelle Verlangen direkt hemmen, indem sie die Hormonproduktion beeinflussen, die für die Libido verantwortlich ist, wie Testosteron bei Männern und Östrogen bei Frauen. Langfristiger Stress kann zu chronisch erhöhten Cortisolspiegeln führen, die die sexuelle Funktion weiter beeinträchtigen können.


2. Psychologische Auswirkungen: Stress kann auch zu Angst und Depressionen führen, was wiederum das sexuelle Verlangen und die sexuelle Funktion beeinträchtigen kann. Ein gestresster Kopf ist oft nicht in der Lage, sich auf sexuelle Reize zu konzentrieren, was zu einem Verlust des Interesses an sexuellen Aktivitäten führt.


3. Beziehungsdynamik: Stress kann Spannungen und Konflikte in der Beziehung verstärken. Wenn ein Partner unter Stress steht, kann dies zu Missverständnissen und Kommunikationsproblemen führen. Dies kann somit die Beziehungsdynamik negativ beeinflussen, was wiederum zu einer geringeren sexuellen Harmonie führen kann.


Lösungsansätze


1. Offene Kommunikation: Der wichtigste Schritt zur Lösung sexueller Probleme ist die offene und ehrliche Kommunikation. Sprich mit deinem/-r Partner*in über deine Bedürfnisse, Ängste und Wünsche und frage nach was die Bedürfnisse der anderen Person sind. Ein offenes Gespräch, auch, wenn es eventuell für manche Menschen unangenehm ist, kann Missverständnisse klären und helfen, gemeinsam Lösungen zu finden. Es kann auch hilfreich sein, Zeiten festzulegen, um regelmäßig über die Beziehung und sexuelle Bedürfnisse zu sprechen, um sicherzustellen, dass beide Partner sich gehört und verstanden fühlen.


2. Beratung und Therapie: Eine Paartherapie oder Sexualberatung kann sehr hilfreich sein. Ein professioneller Therapeut kann spezifische Strategien und Übungen anbieten, um die sexuelle Beziehung zu verbessern. Paartherapie kann auch dabei helfen, Kommunikationsmuster zu verbessern und emotionale Barrieren abzubauen, die die sexuelle Intimität beeinträchtigen können.


3. Medikamentenanpassung: Falls Medikamente die Ursache für sexuelle Probleme sind, sprich mit dem behandelnden Arzt darüber. Oft gibt es alternative Medikamente oder Anpassungen der Dosierung, die weniger Nebenwirkungen haben. Es ist wichtig, solche Änderungen nur unter ärztlicher Aufsicht vorzunehmen, um die Wirksamkeit der Behandlung der psychischen Erkrankung nicht zu gefährden.


4. Selbstfürsorge und Stressbewältigung: Psychische Erkrankungen und die damit verbundenen sexuellen Probleme können sehr belastend sein. Achte auf deine eigene psychische Gesundheit und suche nach Wegen zur Stressbewältigung. Regelmäßige körperliche Aktivität, Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation und Hobbys können helfen, das allgemeine Wohlbefinden zu verbessern und Stress abzubauen. Selbstfürsorge ist nicht nur wichtig für die individuelle Gesundheit, sondern auch für die Gesundheit der Beziehung.


5. Geduld und Verständnis: Veränderungen geschehen nicht über Nacht. Sei geduldig und verständnisvoll mit sich selbst und Ihrem Partner. Es ist wichtig, eine unterstützende und liebevolle Umgebung zu schaffen, in der beide Partner sich sicher und geschätzt fühlen. Kleine Schritte und kontinuierliche Bemühungen können langfristig zu einer verbesserten sexuellen Beziehung führen.


Sexualität ist zwar ein zentraler Aspekt im Leben vieler Menschen, aber eine gute Beziehung steht und fällt nicht mit der Frequenz von Sex und der Menge an sexuellen Problemen. Oft trägt die empfundene Intimität deutlich mehr zur Beziehungszufriedenheit bei.


Sexuelle Traumata


Sexuelle Traumata, wie Missbrauch oder Übergriffe, können außerdem tiefgreifende und langanhaltende Auswirkungen auf das sexuelle Verlangen und Verhalten haben. Diese Erfahrungen können zu Angst, Scham, Schuldgefühlen und einer verminderten Libido führen. Die Aufarbeitung solcher Traumata kann, trotz Schwierigkeiten, sehr hilfreich für die eigene psychische Gesundheit sein. Folgende Möglichkeiten sind zu erwägen:


1. Traumatherapie: Eine professionelle Therapie ist oft sehr wichtig, um sexuelle Traumata aufzuarbeiten. Traumatherapeuten sind speziell geschult, um mit den komplexen emotionalen und psychologischen Auswirkungen von sexuellen Traumata umzugehen. Therapien wie EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) oder traumafokussierte kognitive Verhaltenstherapie können dabei helfen, traumatische Erinnerungen zu verarbeiten und neue, gesündere Verhaltensweisen zu entwickeln.


2. Sichere Umgebung schaffen: Für Betroffene ist es wichtig, in einer sicheren und unterstützenden Umgebung zu leben. Dies bedeutet, dass der Partner Verständnis und Geduld aufbringen muss. Offene Kommunikation und das Erkennen der Grenzen des Betroffenen sind entscheidend, um ein Gefühl von Sicherheit und Vertrauen zu schaffen.


3. Selbstfürsorge und Bewältigungsstrategien: Betroffene sollten ermutigt werden, Selbstfürsorge zu praktizieren und Bewältigungsstrategien zu entwickeln. Dies kann Meditation, Yoga, Achtsamkeitsübungen oder kreative Aktivitäten umfassen. Diese Praktiken können helfen, das Nervensystem zu beruhigen und ein Gefühl der Kontrolle und des Wohlbefindens wiederzuerlangen.


4. Geduld und Zeit: Die Aufarbeitung sexueller Traumata ist ein langwieriger und oft schmerzhafter Prozess. Es ist wichtig, Geduld zu haben und den Betroffenen die Zeit zu geben, die sie brauchen, um zu heilen. Druck oder Erwartungen können kontraproduktiv sein und den Heilungsprozess verzögern.


Unsere Vergangenheit mit ihren negativen, einschneidenden Erfahrungen definiert uns nicht. Jeder hat ein recht auf ein glückliches und erfülltes Leben auch, wenn das mit einer solchen Historie eventuell manchmal undenkbar scheint.


Fazit


Sexualität ist ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Lebens und eine erfüllte Sexualität kann wesentlich zum Wohlbefinden beitragen. Für Angehörige von Menschen mit psychischen Erkrankungen ist es entscheidend, die möglichen Auswirkungen auf die Sexualität zu erkennen und aktiv nach Lösungen zu suchen. Durch offene Kommunikation, professionelle Unterstützung und einfühlsame Zuwendung können viele der auftretenden Probleme bewältigt werden. Denk daran: Du bist nicht allein, und es gibt Hilfe und Unterstützung, um diese Herausforderungen gemeinsam zu meistern.




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Quellen

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  2. WebMD. (n.d.). Antidepressants and Sexual Side Effects. Retrieved from [WebMD](https://www.webmd.com/depression/guide/antidepressants-and-sexual-side-effects)

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  4. American Psychological Association. (n.d.). How to talk to your partner about your needs. Retrieved from [APA](https://www.apa.org/topics/healthy-relationships/communication)

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  7. Statista. (2024a, Januar 2). Sexuelle Probleme bei Frauen in Deutschland nach Alter und Problem 2020. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1177752/umfrage/sexuelle-probleme-unter-frauen-in-deutschland-nach-alter/#:~:text=Sexuelle%20Probleme%20bei%20Frauen%20in%20Deutschland%20nach%20Alter%20und%20Problem%202020&text=Im%20Jahr%202020%20gaben%20rund,Monaten%20Orgasmusprobleme%20erlebt%20zu%20haben.

  8. Sexuelle Traumatisierung: Symptome & wie Sie damit umgehen | Henrike Ortwein. (2022, 3. Februar). Henrike-Ortwein.de. https://henrike-ortwein.de/sexuelle-traumatisierung-symptome/

  9. Lisa, Dawn, Hamilton., Amanda, M., Julian. (2014). The relationship between daily hassles and sexual function in men and women.. Journal of Sex & Marital Therapy, doi: 10.1080/0092623X.2013.864364



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