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Schizophrenie: Warum es wichtig ist, über das Störungsbild aufzuklären


Bei einer Schizophrenie handelt es sich zweifelsohne um eine schwerwiegende psychische Störung, die in der Regel durch eine komplexe Symptomatik gekennzeichnet ist. Gleichwohl liegen in der Gesellschaft viele ungünstige Missverständnisse, Vorurteile und insbesondere Stigmata vor, die es den Betroffenen erschweren, sich Hilfe zu holen sowie zu erhalten. Sowohl für die Betroffenen selbst als auch die Angehörigen sind damit entsprechend hohe Belastungen verbunden [1], [2].


Dieser Blogeintrag ist der erste Teil einer Beitragsreihe zum Thema Schizophrenie, mit der Informationen bereitgestellt und Missverständnisse aufgeklärt werden sollen. Dies schafft eine wesentliche Grundlage für die Entstigmatisierung der Schizophrenie und kann Betroffene und Angehörige beim Umgang mit der Erkrankung unterstützen.


Was der Begriff “Schizophrenie” mit vorliegenden Missverständnissen zu tun hat

Der Begriff kommt aus der griechischen Sprache und setzt sich aus den zwei Wörtern schízein und phrḗn zusammen, die so viel bedeuten wie „spalten“ und „Geist, Gemüt“, also „gespaltener Geist“ [1]. In der Tat sind nach wie vor viele Menschen fälschlicherweise der Ansicht, dass es sich bei einer Schizophrenie um das Vorliegen einer gespaltenen bzw. multiplen Persönlichkeit handelt. Dies ist jedoch schlicht nicht richtig – Eine Schizophrenie ist von einer dissoziativen Identitätsstörung (ehemals “multiple Persönlichkeitsstörung”) abzugrenzen [2]. Die Begriffsherkunft spielt also sicher keine unwesentliche Rolle, wenn es um Missverständnisse hinsichtlich der Erkrankung geht.


Das Störungsbild: Woran erkennt man eine Schizophrenie?

Die Schizophrenie gehört zu einer Gruppe von psychischen Störungen, die in den beiden großen Klassifikationssystemen International Classification of Diseases (ICD) und Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen (DSM) allgemein als psychotische Störungen zusammengefasst werden. Diese beschreiben Störungsbilder, bei denen das Auftreten von Psychosen bzw. eine psychotische Symptomatik im Vordergrund steht. Von einer Schizophrenie wird erst dann gesprochen, wenn bestimmte Symptome über einen längeren Zeitraum bestehen [3], [4].


Das Störungsbild Schizophrenie wird üblicherweise mit dem Auftreten von Positiv- und Negativsymptomatik beschrieben: Die Positiv- oder auch Plus-Symptome bezeichnen Erlebens-, Verhaltens- und Denkweisen, die zum „normalen“ Erleben und Verhalten einer betroffenen Person hinzukommen. Unter der Negativ- oder Minus-Symptomatik versteht man analog dazu Verminderungen, Einschränkungen oder das komplette Fehlen bestimmter Funktionsweisen [1]. Auf dieser Grundlage werden wiederum 5 Symptombereiche unterschieden, die es bei der Diagnosestellung zu beachten gilt [4].


Eines der Hauptsymptome ist das Auftreten von Wahn, was sich somit der Positivsymptomatik zuordnen lässt. Bei einem Wahn handelt es sich um eine unverrückbare Überzeugung, deren charakteristisches Merkmal nicht der Inhalt an sich ist, sondern die Tatsache, dass Betroffene hartnäckig an ihr festhalten – und zwar unabhängig von oder trotz Gegenbeweisen oder fehlender Evidenz für diese Überzeugung [1], [4]. Im Rahmen einer Schizophrenie kommt der Verfolgungswahn am häufigsten vor: Betroffene sind unentwegt davon überzeugt, dass sie z.B. von anderen Personen oder Personengruppen gezielt verfolgt werden. Ein weiterer häufig vorkommender Wahninhalt ist der Beziehungswahn. Hierbei geht es nicht um zwischenmenschliche Beziehungen, sondern um die feste Überzeugung von Betroffenen, dass sich etwa der Text eines Liedes im Radio explizit auf sie bezieht [1], [4].


Neben den Wahnvorstellungen gehören Halluzinationen zu den Hauptsymptomen einer Schizophrenie. Betroffene erleben Sinneswahrnehmungen, die jedoch ohne einen entsprechenden äußeren Reiz auftreten und nicht kontrolliert werden können – sie werden als „normale“ Wahrnehmung empfunden [1], [4]. Bei einer Schizophrenie kommen Halluzinationen am häufigsten in Form von Stimmenhören vor, wobei die wahrgenommenen Stimmen z.B. einen kommentierenden Charakter haben. Prinzipiell kann aber jede Sinnesmodalität betroffen sein. Auch ist wichtig zu sagen, dass Halluzinationen unter Belastung und Stress oftmals eine intensivere Ausprägung annehmen können [2], [4].


Ein weiterer Symptombereich betrifft das Denken und Verhalten der Betroffenen. Auffällige Denkmuster zeigen sich beispielsweise darin, dass Betroffene sprunghaft und von außen nicht nachvollziehbar von einem Gedanken zum anderen übergehen oder ihren Gedankengang ohne erkennbaren Grund abbrechen, ihre Antworten nicht mit der eigentlichen Frage verknüpft sind oder aber auch, dass die sprachlichen Mitteilungen zusammenhangslos und somit für Außenstehende nur schwer verständlich sind [1], [4]. Auch können sogenannte Ich-Störungen auftreten: Hierbei verschwimmen die Grenzen zwischen der eigenen Person und der äußeren Umwelt, was sich in einem Gefühl der Fremdbeeinflussung äußern kann. Betroffene nehmen sich selbst sowie die Umwelt als fremdartig, unwirklich wahr und empfinden etwa ihre Gedanken und Handlungsweisen als etwas, das von außen gemacht wird oder z.B. entzogen werden kann [1].


Bei einigen Betroffenen zeigen sich darüber hinaus Auffälligkeiten des Verhaltens und der Bewegung. So können Bewegung und Motorik insgesamt verlangsamt und schleppend sein; im Extremfall liegt eine komplette Bewegungslosigkeit vor, der sogenannte katatone Stupor. Ebenso sind auch eine überschießende, hyperaktive Motorik sowie stereotype und scheinbar ziellose Bewegungsmuster möglich [2], [4].


Zu den Negativ- oder Minus-Symptomen der Schizophrenie gehören zum Beispiel ein verminderter Emotionsausdruck, eingeschränkte emotionale Reaktionen sowie reduzierte Mimik und Sprache. Auch Antriebs- und Freudlosigkeit, eingeschränkte Willenskraft, Motivationsmangel sowie ein geringer Selbstwert können auftreten [2], [4]. In der Folge ziehen sich Betroffene oftmals zurück und nehmen seltener an sozialen Aktivitäten teil [2].


Verlauf

Es wird geschätzt, dass zwischen 0,3 – 0,7% der weltweiten Bevölkerung irgendwann im Laufe ihres Lebens die Diagnosekriterien für eine Schizophrenie erfüllt (Lebenszeitprävalenz). Meist tritt die Störung zwischen der späten Jugend und einem Alter von Mitte 30 auf und ist durch einen schleichenden Prozess gekennzeichnet [4].


Bei einer Schizophrenie lassen sich zudem bestimmte Phasen erkennen. In einer sogenannten Prodromalphase, die die vorausgehende Phase darstellt, leiden die Betroffenen in der Regel unter eher unspezifischen Symptomen wie bspw. Schlafstörungen oder Anspannung. Man könnte an dieser Stelle auch von Vorboten oder Warnsignalen sprechen [1], [5]. Laut Tania Lincoln [2] sind zu diesem Zeitpunkt etwa der Rückzug aus dem Sozialleben, das Versäumen von Verpflichtungen oder auch häufigere Streitereien und Konflikte für die Angehörigen sichtbar. Die darauffolgende akute Psychose-Phase ist vor allem durch die Positivsymptomatik, d.h. Wahn, Halluzinationen und Verhaltensauffälligkeiten gekennzeichnet, während daran anknüpfend eine Phase mit mehrheitlich Negativsymptomen in Form von etwa Antriebslosigkeit oder reduziertem Gefühlserleben folgt. Meist erleben Betroffene anschließend eine Phase der Symptomfreiheit, wobei man davon ausgeht, dass etwa ein Drittel der Betroffenen keine weitere Episode erlebt, bei einem Drittel mehrere Episoden mit symptomfreien Phasen auftreten und bei wiederum einem Drittel ein chronischer Verlauf zu verzeichnen ist [1]. Damit im Einklang, wird im DSM 5 die Heterogenität der Schizophrenie explizit betont: So kann sich das Störungsbild sowie dessen Verlauf zwischen Betroffenen mitunter stark unterscheiden, was die Notwendigkeit einer ausführlichen Diagnostik einmal mehr unterstreicht [4], [5].



Quellen

[1] Clamor, A., Frantz, I. & Lincoln, T. M. (2020). Psychotische Störungen und Schizophrenie. In J. Hoyer & S. Knappe (Hrsg.), Klinische Psychologie & Psychotherapie (3. Auflage, S. 947-1003). Berlin, Heidelberg: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-61814-1_44


[2] Lincoln, T. (2018). Schizophrenie. In J. Margraf & S. Schneider (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 2: Psychologische Therapie bei Indikationen im Erwachsenenalter, (S. 391–414). Berlin, Heidelberg: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-54909-4_20


[3] Wagner, E. (2021). Psychische Störungen verstehen: Orientierungshilfe für Angehörige. Berlin: Springer. https://doi.org/10.1007/978-3-662-63156-06


[4] American Psychiatric Association (APA). (2015). Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen – DSM-5© (deutsche Ausgabe herausgegeben von Peter Falkai und Hans-Ulrich Wittchen, mitherausgegeben von Manfred Döpfner, Wolfgang Gaebel, Wolfgang Maier, Winfried Rief, Henning Saß und Michael Zaudig). Göttingen: Hogrefe.


[5] Hahlweg, K. & Dose, M. (2005). Ratgeber Schizophrenie. Informationen für Betroffene und Angehörige. Göttingen: Hogrefe.




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