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Wenn die eigenen Probleme plötzlich unwichtig wirken

  • vor 11 Stunden
  • 4 Min. Lesezeit

Warum viele Angehörige ihre eigenen Sorgen immer weiter zurückstellen


Deine Mutter ruft wieder an.Sie klingt erschöpft. Vielleicht weint sie. Vielleicht sagt sie nur leise: „Ich schaffe das alles nicht mehr.“ Und sofort schaltet bei dir alles um. Du hörst zu, beruhigst, organisierst, denkst mit. Währenddessen verschwinden deine eigenen Gedanken immer weiter im Hintergrund. Der Stress auf der Arbeit. Deine Erschöpfung. Die Kopfschmerzen seit Tagen. Die Tatsache, dass du selbst seit Wochen kaum richtig abschalten kannst. Denn in diesem Moment wirkt nur noch das Problem der anderen Person wichtig. Vielleicht kennst du Sätze wie:

„Mir geht es doch eigentlich gut.“„Andere haben es schlimmer.“„Ich muss jetzt einfach funktionieren.“

Was viele dabei nicht merken: Genau dieses ständige Zurückstellen der persönlichen Belastung kann langfristig erschöpfen. Angehörige oder enge Bezugspersonen geraten oft schleichend in einen Zustand, in dem sie nur noch für andere da sind, während die eigenen Grenzen immer weiter überschritten werden.

In diesem Artikel erfährst du, warum die individuellen Probleme plötzlich unwichtig wirken können, weshalb Verdrängung kurzfristig sogar verständlich erscheint und wie du lernen kannst, deine eigenen Bedürfnisse wieder ernst zu nehmen, ohne dich deshalb schuldig zu fühlen.


Du funktionierst einfach weiter. Jeden Tag.

Viele Angehörige kennen diesen Zustand sehr gut. Irgendwann dreht sich fast alles nur noch um die belastete Person. Die eigene Situation rutscht automatisch in den Hintergrund, weil ständig etwas wichtiger erscheint. Pausen fühlen sich plötzlich falsch an, Erschöpfung wird heruntergespielt und selbst dann, wenn man längst über die eigenen Kräfte geht, kommt oft der Gedanke: „Andere haben es gerade schwerer als ich.“

Dabei bedeutet Angehörigensein nicht, dass die eigenen Herausforderungen unerwartet   verschwinden. Sie bekommen nur keinen Raum mehr.

 

Wenn man nur noch durchhält

Wer einen nahestehenden Menschen begleitet, übernimmt oft unbewusst sehr viel Verantwortung. Manche kümmern sich um Arzttermine, Gespräche oder organisatorische Dinge. Andere versuchen ständig aufmerksam zu sein, Konflikte zu vermeiden oder emotional Halt zu geben. Viele Angehörige merken dabei lange gar nicht, wie sehr sie selbst unter Druck geraten.

Aus einem „Ich halte das gerade noch aus“ wird mit der Zeit ein dauerhafter Zustand, in dem man nur noch versucht, irgendwie weiterzumachen.

Genau darin liegt oft die Schwierigkeit. Wer dauerhaft nur noch funktioniert und die eigenen Warnsignale ignoriert, verliert irgendwann den Kontakt zu den persönlichen Grenzen.

 

Warum die eigene Situation plötzlich unwichtig wirkt

Viele nahestehende Menschen vergleichen ihre Belastung automatisch mit der Situation der anderen Person. Dadurch entstehen Gedanken wie: „Mir geht es doch eigentlich noch gut.“ Oder: „Ich darf mich jetzt nicht so anstellen.“

Kurzfristig kann dieses Zurückstellen der eigenen Situation sogar verständlich sein, besonders in schwierigen oder emotional belastenden Situationen. Problematisch wird es allerdings dann, wenn dadurch ein gefährlicher Kreislauf entsteht. Je schlechter es einem selbst geht, desto weniger Kraft bleibt langfristig für Unterstützung, Nähe und emotionale Stabilität übrig.

Nicht jede Belastungssituation zeigt sich sofort deutlich. Manchmal sind es eher kleine Veränderungen im Alltag, die sich langsam einschleichen. Man schläft schlechter, ist schneller gereizt oder sagt Treffen mit Freunden häufiger ab. Eigene Hobbys verschwinden nach und nach aus dem Alltag und irgendwann hat man das Gefühl, einfach nur noch durchhalten zu müssen.

Emotionale Distanz kann ein wichtiges Warnsignal sein. Menschen, die unterstützen, merken irgendwann, dass sie kaum noch Freude empfinden oder innerlich nur noch im „Autopilot“ laufen. Andere ziehen sich zurück, weil sie keine Kraft mehr für Gespräche oder soziale Kontakte haben.

Anhaltender Stress kann sowohl psychische als auch körperliche Folgen haben:

 

  • Schlafprobleme

  • innere Unruhe

  • Konzentrationsschwierigkeiten

  • Gereiztheit

  • emotionale Erschöpfung

  • Rückzug

  • Verspannungen

  • Magenschmerzen

  • Zähneknirschen

  • Hautprobleme

  • Atemnot

 

Viele Angehörige nehmen diese Warnzeichen allerdings erst ernst, wenn gar nichts mehr geht.

 

Du darfst auch an dich denken

Eigene Probleme ernst zu nehmen, bedeutet nicht, nahestehende Menschen im Stich zu lassen. Es bedeutet nur, sich selbst nicht komplett aus dem Blick zu verlieren.

Oft helfen schon kleine Veränderungen im Alltag. Zum Beispiel bewusst wahrzunehmen, wann der eigene Stresspegel steigt oder wann man eigentlich dringend eine Pause bräuchte. Zudem feste Momente einzuplanen, die einen ablenken und neue Energie geben, können stabilisieren.

Das müssen keine großen Veränderungen sein. Ein Spaziergang, Bewegung, Musik, Ruhe oder ein Gespräch mit vertrauten Menschen können wohltuend wirken. Wichtig ist vor allem, dass es Augenblicke gibt, in denen sich nicht alles nur um die Sorgen anderer dreht.

Psychologische Beratung und therapeutische Unterstützung können hilfreich sein, um mit dem Leidensdruck besser umzugehen.

Auch praktische Hilfe im Alltag kann entlasten. Dazu gehören unter anderem Unterstützung bei der Pflege zuhause, Hilfe im Haushalt oder Betreuungsangebote. Besonders bei länger andauernder Anspannung kann es Erleichterung schaffen, Verantwortung bewusst aufzuteilen, statt alles alleine bewältigen zu wollen.

Achtsamkeit trägt auch dazu bei, wieder stärker bei sich selbst anzukommen. Damit ist nicht gemeint, ständig positiv denken zu müssen. Vielmehr geht es darum, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse überhaupt wieder wahrzunehmen.

Viele Bezugspersonen merken erst dann, wie erschöpft sie eigentlich sind.


Fazit

Wenn sich plötzlich alles nur noch um die andere Person dreht, geraten die eigenen Probleme oft automatisch in den Hintergrund. Viele Angehörige merken lange gar nicht, wie sehr sie selbst belastet sind. Wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, verliert irgendwann Energie, Geduld und emotionale Stabilität. Das bedeutet nicht, dass man schwach ist.

Deshalb ist es wichtig, die eigene Situation ernst zu nehmen und sich bewusst Raum für sich selbst zu schaffen. Nicht aus Egoismus, sondern weil auch Angehörige Unterstützung, Erholung und Stabilität brauchen. Wer die eigenen Grenzen ernst nimmt und sich selbst nicht dauerhaft überfordert, kann langfristig stabiler bleiben und besser mit schwierigen Momenten umgehen.  Du musst nicht alles alleine tragen.

Eigene Probleme ernst nehmen ist kein Verrat.

 

Du fühlst dich überfordert und benötigst Unterstützung? Erste Hilfe und Beratung bietet die Telefonseelsorge unter der Nummer 116 123.


Quellen

Ahrens-Tilsner, N., & Peker, C. (o. J.). Angehörige in der Begleitung psychisch kranker Menschen: Einbezogen oder ausgegrenzt?Kurzfassung der Masterarbeit, Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie Hamburg.

Bundesministerium für Gesundheit. (2022, 31. Januar). Stress: Auswirkungen auf Körper und Psyche. https://gesund.bund.de/stress

Jungbauer, J., Bischkopf, J., & Angermeyer, M. C. (2001). Belastungen von Angehörigen psychisch Kranker: Entwicklungslinien, Konzepte und Ergebnisse der Forschung. Psychiatrische Praxis, 28(3), 105–114.

Rave-Schwank, M. (2002). Was ich von den Angehörigen gelernt habe: Zur Überwindung der Kluft zwischen Angehörigen und Professionellen. Psychiatrische Praxis, 29(3), 116–118.

Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. (o. D.). Tipps für Angehörige von Menschen mit Depression. Deutsche Depressionshilfe. https://www.deutsche-depressionshilfe.de/wissen/tipps-fuer-angehoerige

Wiesheu, A. (2009). Angehörige chronisch psychisch Kranker: Belastungen und Belastungsprädiktoren (Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München).

Bildquelle: https://pixabay.com/de/illustrations/stress-burnout-verzweiflung-7453430/


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