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Unsere Moral - haben wir alle zwei davon? Und wie verändert sie sich, wenn wir neidisch sind?

  • Monique
  • 12. Nov. 2025
  • 7 Min. Lesezeit


Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wir sind so gestrickt, dass wir in Beziehungen, Familien, Gemeinschaften, sogar ganzen Gesellschaften leben und zwangsläufig mit anderen Individuen interagieren. Dies kann nur funktionieren, wenn wir einen bestimmten „Werte- Kompass“ haben, nach dem wir auch handeln. Wenn dich also dein guter Kumpel fragt, ob du am Freitag Abend auf die Kinder aufpassen kannst, weil er mal wieder Zeit mit der Frau alleine verbringen möchte, weißt du instinktiv, dass du „ja“ sagen solltest. Im Gegenzug hilft er dir vielleicht beim Renovieren. Blöd wäre es nur, wenn du genau an diesem Freitag vor hattest, dich auf deinem Sofa zu verkriechen, Pizza zu bestellen und irgendeine Serie zu bingen. Nun musst du überlegen was dir wichtiger ist. Eigentlich scheint es klar zu sein: TV-Abende kannst du auch ein andermal machen - Richtig? Was aber nun, wenn du die Kinder vielleicht gar nicht so gern hast? Und insgeheim auch noch neidisch bist auf den Kumpel, weil er anscheinend alles hat (tolle Frau, gesunde Kinder, Haus, Hund…) während du als ewige/r Junggesellin/e allein in deiner Einraum-Bude hockst… Würdest du dir evtl. eine Ausrede einfallen lassen, warum du am Freitag Abend keine Zeit hast?



Moral und Doppelmoral - was sie sind und woher sie kommen

Zusammenleben in Gesellschaft ist ein Geben und Nehmen. Wir ergänzen uns gegenseitig, helfen einander aus, sind füreinander da.


Unserem natürlichen Verlangen, uns mit anderen Menschen zu verbinden und in Verbindung zu bleiben können wir aber nur dann erfolgreich nachkommen, wenn wir uns entsprechend gewisser Normen und Werte verhalten- unseren moralischen Standards. Woher diese Standards allerdings kommen - darüber streiten sich noch die Geister. Schon Sokrates beschäftigte sich mit der Frage, nach den Werten und Normen, die zu verantwortungsbewusstem Handeln führen. Seit die Psychologie als Wissenschaft Forschung betreibt haben sich einige Ansätze herausgebildet, welche versuchen unsere menschliche Moral zu erklären. So postulierte L. Kohlberg (1969) ziemlich vereinfacht, dass der Mensch die Moral durch Verständnisleistungen des Gehirns stufenweise erlernen würde. Nicht alle Menschen würden die selbe Stufe erlangen, aber wenn gewisse Prinzipien einmal verstanden wären, würden diese auch umgesetzt. M. Hoffman fügte (2000) zur reinen Hirnleistung, wieder vereinfacht gesagt, eine emotionale Komponente hinzu: die Empathie. Erst wenn man sich in sein Gegenüber einfühlen kann, kann man auch in dessen/deren Sinne handeln. A. Blasi berichtete (1983) von seinem „Model der moralischen Identität“ aus drei Bausteinen.1: die moralische Identität an sich (wie stark ist es ein Merkmal eines jeden Selbst, sich moralisch verhalten zu wollen?). 2: die Verantwortungsbewertung (es wird geprüft, ob man eigentlich in dieser Situation tatsächlich verantwortlich ist, moralisch zu handeln.) 3: die Selbst- Konsistenz (das grundlegende Bedürfnis im Einklang mit seinem Selbst zu leben). Vereinfacht zusammengefasst: Wenn es nun ein großer Teil meines Selbst ist, moralisch zu leben, werde ich mich vermutlich auch eher verantwortlich fühlen und eher zu moralischen Handlungen tendieren, da ich ja im Reinen mit mir selbst sein möchte.


Wer hat nun Recht? Ich persönlich denke, dass das Konzept der Moral weitaus komplexer ist und keiner der 3 Herren der Weisheit letzten Schluss gesprochen hat. Was sich aber mit hoher Wahrscheinlichkeit sagen lässt ist, dass Werte und Normen geprägt werden vom gesellschaftlichen und kulturellen Umfeld und daher recht verschieden ausfallen können. Doch einige sollten sicherlich weltweit in allen von uns verankert sein.


In der Praxis ist moralisches Handeln im Interesse unserer Mitmenschen allerdings fast immer mit Kosten für uns selbst verbunden. Wir müssen uns also entscheiden: Helfen wir dem Kumpel beim Babysitten und „zahlen den Preis“ (kein ruhiger Fernsehabend) oder sind wir nicht bereit dafür und handeln lieber im eigenen Interesse? Entscheiden wir uns für Tür Nummer 2, werden wir uns unweigerlich schlecht fühlen, weil wir nicht im Einklang mit unserer moralischen Identität gehandelt haben. Um dies zu vermeiden entwickeln wir nun Strategien um uns von diesem schlechten Gefühl abzukoppeln. Wenn wir danach handeln, handeln wir also nach unserer Doppelmoral. Und somit wäre die Frage aus der Überschrift beantwortet: ja, es ist nicht zu leugnen: wir haben manchmal alle zwei Moralen!


Die acht Strategien des moral disengagements nach A. Bandura (1999)

1: Abgabe der eigenen Verantwortung („sind doch nicht meine Kinder…“) 2: Vergleich mit etwas Schlimmeren („andere Paare hatten schon jahrelang keine Zeit mehr für ein Date- ihr geht alle 3 Monate aus…“) 3:Verdrängung der Konsequenzen („eure Beziehung steht vielleicht auf dem Spiel und es bräuchte ein klärendes Gespräch in Ruhe, aber ich tue einfach mal so, als ob ich davon nichts wüsste…“) 4: moralische Rechtfertigung („ich brauche meinen Fernsehabend ganz dringend- immerhin geht es hier auch um mein Seelenheil…“) 5: beschönigende Bezeichnungen („me-quality-time, self-love, inner healing…“) 6: Diffusion der Verantwortung („wenn man sich schon Kinder zulegt, sollte man auch Zeit für sie haben…“) 7: Dehumanisierung („auf diese kleinen sabbernden Monster habe ich echt absolut keine Lust…“) 8: Schuldzuweisung („da hättest du dich mal besser nicht beim Fremdgehen erwischen lassen sollen - dann wärt ihr jetzt gar nicht in dieser misslichen Lage…“). Dies sind nur fiktive Beispiele zum leichteren Verständnis.  Die Variationen sind unendlich.


Unterm Strich lässt sich also festhalten, dass wir über unser eigenes nicht ganz so moralisches Verhalten milder urteilen, als über unmoralisches Verhalten bei Anderen, weil wir es uns sozusagen „schönreden“ um halbwegs beruhigt damit leben zu können.


Wie und wo kommt nun der Neid ins Spiel?

Die Tatsache, dass wir uns ständig sozial miteinander vergleichen um Informationen über uns selbst in der Welt zu erlangen, Selbstoptimierungsprozesse initiieren zu können um wiederum unseren Selbstwert aufzubauen führt unweigerlich auch dazu, dass wir feststellen, dass andere Personen etwas haben, das wir selbst wollen- egal ob materieller oder immaterieller Art. Die damit verbundene unangenehme Emotion führt unweigerlich zu Neid. Es gibt zwei Arten von Neid. Empfinden wir gutartigen Neid, haben wir das Gefühl, die beneidete Person hat seinen/ihren Standard verdient errungen. Außerdem meinen wir, dass wir uns durch Eigeninitiative diesem Standard ebenso nähern können. Empfinden wir bösartigen Neid, haben wir hingegen das Gefühl, die beneidete Person sei zu unrecht zu seinem/ihrem Standard gekommen. Außerdem fühlen wir uns wenig handlungsfähig und versuchen gar nicht erst den eigenen Standard zu verbessern. Stattdessen schädigen wir lieber die beneidete Person. Das war jetzt eine absolute Kurzfassung. Wenn du mehr über die beiden Arten von Neid erfahren möchtest und welche Rolle sie auf social media haben, lade ich dich ein, dir unsere vorherigen Blogartikel dazu anzusehen.



Was hat der Neid nun mit der Moral zu tun?

Man kann sich sicher nun gut vorstellen, dass sich bösartig neidische Menschen verstärkt zu unmoralischen Gedanken, Absichten und Handlungen hin leiten lassen im Gegensatz zu gutartig Neidischen, somit eine größere Doppelmoral besitzen. Van de Vel et al. fanden in ihrer Studie von 2009 tatsächlich heraus, dass sich bösartig neidische Personen weniger für ihre bösen Gedanken und Absichten schämten, diese sogar für moralisch gerechtfertigt hielten, während sie dieselben Gedanken und Absichten bei Anderen stark ablehnten. Es gibt viele Studien zum Thema Neid und wie er sich auf die Moral auswirkt. Die Ergebnisse sind allerdings etwas diffus. Duffy et al. konnten 2012 sehr wohl destruktive Auswirkungen von Neid am Arbeitsplatz nachweisen. Sie unterschieden allerdings nicht zwischen gutartigem und bösartigem Neid. Polman und Ruttan stellten 2012 hingegen keine Verstärkung der Doppelmoral durch Neid fest. Sie fanden vielmehr, dass beide Arten von Neid die moralischen Standards von uns selbst erhöhen. So wollen wir aufgrund der Bewunderung gegenüber der gutartig beneideten Person ebenso moralisch sein und sind dadurch strenger zu uns selbst. Hingegen lassen wir ihr/ihm ebenfalls wegen der Bewunderung ihr/ihm gegenüber mehr unmoralisches Verhalten durchgehen, sind somit nachsichtiger. Bei bösartig beneideten Personen führt die Verachtung dazu, dass wir weniger moralisches Verhalten erwarten, wir sind also ebenso nachsichtiger mit ihnen. Wohingegen wir selbst besonders moralisch sein wollen um besser dazustehen. Wir sind also ebenso strenger mit uns selbst. Die Autoren nannten dieses Phänomen moral hypercrisy (moralische Hyperkrise).


Was sollen wir nun glauben? Einen weiteren Versuch, Licht in das scheinbar sehr komplexe Thema zu bringen unternahm 2016 Egger V. im Rahmen ihrer Masterarbeit an der Uni Graz. Hier eine sehr kurze Zusammenfassung der Studie: Sie teile die Teilnehmer zufällig in zwei Gruppen ein. Bei Einer wurde bösartiger und bei der Anderen gutartiger Neid induziert. Außerdem teilte sie die Teilnehmer zufällig nochmals je einer von zwei Gruppen zu. Die Eine wurde zu Beginn explizit an ihre moralische Identität (also ihr im Selbst verankertes moralisches Wertesystem) erinnert, die Andere nicht. Abgefragt wurde dann, wie fair die jeweiligen Teilnehmer unmoralisches Verhalten bei sich selbst und bei Anderen fanden. Ihre Erwartungen waren, dass die Aktivierung der moralischen Identität bei gutartig neidischen Personen keinen Einfluss auf die moralischen Standards haben sollte, da gutartiger Neid ja sowieso nicht mit destruktiven Gedanken verbunden ist, sondern mit Selbstoptimierung. Bei bösartig neidischen Personen erwartete sie hingegen, dass die Aktivierung des eigenen Moral-Kompasses zu einer Erhöhung der moralischen Standards für sich Selbst und zu Nachlässigkeit gegenüber Anderen führen sollte. Diese Erwartung begründete sie darin, dass die Aktivierung der moralischen Identität dem Mechanismus des moralischen Entkoppeln entgegenwirken sollte.


Wurden die Erwartungen bestätigt? Nein! Es gab weder signifikante Unterschiede in der Fairnessbewertung bei sich und anderen Personen in Abhängigkeit der Art des induzierten Neids, noch in Abhängigkeit der Aktivierung oder Nichtaktivierung des Werte-Kompasses (hier zwar gering, aber nicht statistisch signifikant).


Was sagt uns das nun über den Zusammenhang von Neid und unserer Moral? Die Datenlage ist wirklich sehr uneinheitlich…Persönlich habe ich keine Antwort darauf. Außer vielleicht, - wie schon weiter oben erwähnt - dass das Konstrukt „Moral“ einfach viel zu komplex ist, um es in ein paar Studien zu packen und anzunehmen, es in seiner Gänze verstehen können. Egger V. stellt in ihrer Arbeit im Diskussions- Teil die Frage, wozu moralische Standards dann eigentlich dienen und was sie tatsächlich verkörpern.


Ich meine, das ist eine sehr schöne Abschlussfrage, über die jede/r Einzelne von uns gerne mal in 1, 2 oder auch 30 Minuten freier Zeit etwas nachdenken darf…?!

 

Dieser Artikel wurde verfasst von mir (M. L. - Praktikantin bei Psytastic). Er wurde gründlich recherchiert und mit bestem Wissen verfasst. Wenn ich darin allerdings von „ich“ spreche, meine ich meine persönliche Ansicht, welche nicht zwingend generell mit Psytastic als Organisation übereinstimmen muss.


Quellen

Egger, V. (2016). Von der Todsünde zur Tugend: Wie gutartiger und bösartiger Neid unsere Doppelmoral beeinflussen. https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/download/pdf/1521437
Kohlberg, L. (1969). Stage and sequence: The cognitive developmental approach to socialization. In D.A. Goslin (Ed.), Handbook of socialization theory and research (pp. 347–480). Chicago, IL: Rand McNally.
 
Hoffman, M.L. (2000). Empathy and moral development: Implications for caring and justice. NewYork, NY: Cambridge University Press.
 
Blasi, A. (1983). Moral cognition and moral action: A theoretical perspective. Developmental review, 3(2), 178-210.
 
Bandura, A. 1999. Moral disengagement in the perpetration of inhumanities. Personality and Social Psychology Review, 3: 193–209.
 
Van de Ven, N., Zeelenberg, M., & Pieters, R. (2009). Leveling up and down: the experiences of benign and malicious envy. Emotion, 9(3), 419.
 
Duffy, M. K., Scott, K. L., Shaw, J. D., Tepper, B. J., & Aquino, K. (2012). A social context model of envy and social undermining. Academy of Management Journal, 55(3), 643-666.
 
Polman, E., & Ruttan, R. L. (2012). Effects of anger, guilt, and envy on moral hypocrisy. Personality and Social Psychology Bulletin, 38(1), 129-139.
 
https://www.psytastic.de/post/neid-ist-nicht-gleich-neid-vom-beneiden-und-missgönnen-oder-vom-wetteifern-und-beneiden
 
https://www.psytastic.de/post/wie-social-media-influencer-von-unserem-neid-profitieren
 
Bildquelle:
https://pixabay.com/de/illustrations/richtig-falsch-karikatur-ethik-7472947/ 

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