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Kunst: Kreative Wege der Emotionsregulation

  • Sascha
  • 24. Dez. 2025
  • 7 Min. Lesezeit
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Kreativität spielt für den Menschen schon lange eine große Rolle. In zahlreichen Kliniken mit multimodalen Behandlungsansätzen finden sich Angebote wie Kunst-, Musik- oder Tanztherapie. Doch nicht nur in therapeutischer Begleitung kann das Ausleben von Kreativität helfen. Auch allein zu Hause kannst du dir so etwas Gutes tun. Wir werfen also einen Blick auf die Malerei, auf Musik und Tanzen, und Stricken. Masche für Masche.



Wer das Wort liest, denkt im ersten Moment vermutlich direkt an Künstler*innen. An diejenigen, die durch Malerei oder Musik bekannt sind. Dabei geht es bei Kreativität gar nicht nur um die gelernten Fähigkeiten dahinter. In der Persönlichkeitspsychologie beschreibt Kreativität "die Fähigkeit zu schöpferischem Denken und Handeln". Es muss also gar nicht der Pinsel auf der Leinwand sein. Auch Schränke selbst zu bauen oder ohne Rezept etwas Neues kochen sind kreative Leistungen. 


Der US-amerikanische Psychologe Joy Paul Guilford beschreibt sie als die Fähigkeit zum divergenten Denken. Damit beschreibt er die Sensitivität gegenüber Problemen, die Flüssigkeit, Originalität und Flexibilität des Denkens. Wer kreativ ist, kann also Probleme erkennen und besser erkunden und auch zusammenhängend neue Lösungen erdenken. Das ‘Problem’ kann dabei auch sein, wie man ein bestimmtes Gefühl auf die Leinwand bringt mit den gegebenen Fähigkeiten und Mitteln.


Wenn es also im Rest des Textes darum geht, Formen der Kunst (wie Malerei, Tanzen, Schreiben, Stricken) für sich zu nutzen und du dir denkst: “Aber ich kann das nicht.” – Doch, kannst du. Denn es geht nicht um das Können, es geht nicht um das Gut-Sein oder um ein perfektes, vorzeigbares Endergebnis. Es geht um den Prozess. Jeder, der malt oder strickt oder tanzt, fing mal klein an. Und solange du damit kein Geld verdienen musst, musst du auch nicht gleich gut sein. Dabei zeigen Studien nämlich, dass es Zusammenhänge zwischen Kreativität und Wohlbefinden sowie Emotionsregulation gibt. In beide Richtungen! Wer sich kreativ betätigt, fühlt sich wohler und wer sich gerade wohlfühlt, ist eher und einfacher kreativ.


Was ist emotionale Regulation und wie hilft Kreativität?

Als Emotionsregulation wird als die Fähigkeit beschrieben, eigene emotionale Erfahrungen so zu handhaben, dass eine adaptive Einbindung in Alltag und Umwelt möglich wird. Strategien der Emotionsregulation beeinflussen die Intensität, Dauer und die Art der Emotion. Defizite in der Emotionsregulation sind in der klinischen Wissenschaft mit der Wechselwirkung sowie Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Erkrankungen assoziiert. Wie konkret kann Emotionsregulation nun aussehen?


  • Atemübungen, um körperliche Anspannung oder emotionale Nervosität abzubauen

  • Gefühle bewertungsfrei wahrnehmen, ihre Ausprägung und das eigene Erleben zu tolerieren und zu akzeptieren. Lernen, dass Gefühle da sein dürfen und dass man sie aushalten kann.

  • Selbstunterstützung ausüben. Was brauche ich jetzt gerade? Wie würde ich einem besten Freund jetzt helfen, wenn es ihm so ginge?

  • Gefühle analysieren und positive Gefühle regulieren, sich also der Ursache für Gefühle bewusst sein und Techniken oder Aktivitäten ausüben, die positive Gefühle bringen.

 

Kreativität ausleben – sei es nun durchs Malen, durch Tanz, Musik hören oder machen oder durch Stricken – kann hier an vielen Punkten ansetzen. Sich bewegen kann zu Entspannung führen - manchmal sogar durch die körperliche Anstrengung. Der gewählte Fokus auf eine Tätigkeit wie Zeichnen oder Stricken stellt eine Aufmerksamkeitsverschiebung dar, weg vom unangenehmen Gefühl und hin zur Tätigkeit. Musik hören, die man mag, oder gar dazu tanzen, löst angenehme Gefühle aus. Denn auch, wenn ich gerade in einer wütenden oder traurigen Stimmung bin, darf ich mir Auszeiten davon nehmen und etwas Schönes tun und fühlen. Gleichzeitig kann die Kreativität auch Ausdruck und damit Teil der Akzeptanz der Gefühle sein: Gefühle zulassen und sie einfach mal zu malen, aufzuschreiben oder zu einem passenden Song aus dem Körper tanzen.


Leb’ dich kreativ aus, so kann’s gehen

In Sachen Malerei gab es bei uns bereits einen Einblick in die Kunsttherapie. Du kannst dich an den dortigen Empfehlungen orientieren, wenn sich Malen/Zeichnen für dich nach dem richtigen Medium anfühlt. Wähle ein Material und ein Werkzeug deiner Wahl und los geht es! Es muss in deiner Zeichnung auch nichts Reales dargestellt werden. Zeichne mit dem Stift einfach eine wilde, durchgängige Linie über das Blatt, lass sie sich durcheinander überkreuzen und dann fülle die entstehenden Lücken aus. Eine kleine Pause für dich.

 

Musik kann nicht nur beim Hören Emotionen auslösen, sondern auch beim Selbermachen. Eine Übersichtsarbeit fasste zusammen, dass effektive musiktherapeutische Interventionen sowohl das Hören von Musik als auch die eigene musikalische Improvisation mit Instrumenten oder Singen umfasst. Vielleicht kennst du das erleichterte Gefühl, wenn du einen emotionalen Song zu Hause einmal ganz emotional mitgesungen hast. Oder du komponierst mit deinem Instrument ein kleines Stück, passend zu deiner Gefühlslage.

 

Auch Tanzen als Therapieform zeigt positive Auswirkungen auf Patient*innen. Studien finden im therapeutischen Setting eine verringerte depressive Symptomatik durch die Tanztherapie aufgrund einer Mischung aus sozialer Interaktion beim Tanzen, neuer Lernerfahrung beim Tanzen und erlebter Freude. Dafür musst du nicht unbedingt aus dem Haus und in den Club: Freude erleben kannst du auch alleine im häuslichen Kontext, um entweder direkt Positives zu erleben oder um unangenehmen Gefühlen (wie Wut oder Trauer) durch die Bewegung Platz zu geben. Auch den Körper dabei bewusst wahrnehmen, kann im Umgang mit Gefühlen helfen.

 

Therapeutisches Schreiben wird von Gillie Bolton als "ausdrucksstark und erkundend" beschrieben. In einer Übersichtsarbeit konnte aufgezeigt werden, dass das Schreiben über negative Erfahrungen zwar kurzfristig negative Gefühle verstärkt, aber langfristig ihre Stärke verringert und mit einer Verbesserung in Einsicht, Selbstreflexion, Optimismus und Kontrollgefühl assoziiert ist. "Das Leben sei besonders durcheinander und chaotisch, käme ohne klare Anfänge, es gibt nicht das eine Ende und nicht einen Erzählstrang", schreibt Bolton. Therapeutisches Schreiben könne dies nachbilden. Dafür brauchst du nur einen Stift deiner Wahl und etwas zum darauf schreiben. In ihrem 1999er-Werk gibt Bolton den Leser*innen folgenden Leitfaden mit (eigene Übersetzung):

 

  • Was auch immer du schreibst, ist richtig. Du kannst nichts Falsches schreiben.

  • Das, was du schreibst, ist nur für dich. Ob du es danach jemandem zum Lesen gibst oder es zerreißt, ist dir überlassen.

  • Das Geschriebene ist nur für dich, es muss kein perfektes Deutsch sein. Schreib’ es wie Poesie, wenn du magst, in unvollständigen Sätzen.

  • Du wirst glauben, du hättest nichts zu Schreiben. Wenn du anfängst, fällt dir auf, dass dein Stift vieles zu sagen hat.

  • Anfangs mag es sich seltsam anfühlen, alleine herumzusitzen und etwas zu schreiben, das keine Funktion erfüllt. Du verdienst das Geschenk von Zeit für dich. Sei entspannt. Genieß es. Schau’ dem Geschriebenen beim Wachsen zu.

  • Schreibe zu einem Zeitpunkt, der dir passt. An einem Ort, an dem du dich entspannen kannst.

  • Nutze ein Notizbuch, ein zufälliges Blatt Papier oder was auch immer sich für dich richtig anfühlt.

  • Für 6 Minuten: Schreibe alles auf, was in deinen Kopf kommt. Hör nicht auf zu denken und zu schreiben. Wenn du magst, führe danach angefangene Themen oder Ideen fort.

 

Diese Art von Schreiben kann helfen, neue Verknüpfungen zwischen Erinnerungen, Gefühlen, Gedanken und Erfahrungen herzustellen. Du kannst sie entdecken, erkunden, wie auch immer du magst. Es können Wortfetzen sein oder ganze Sätze, vielleicht sogar fiktionale Erzählungen, in denen du dein emotionales Innenleben und deine Sorgen und Ängste einer anderen Person mitgibst.

 

Auch Stricken erfreut sich großer Beliebtheit und wird dabei von vielen als positiv wahrgenommen. In einer Untersuchung aus dem Jahre 2013 mit rund 3500 regelmäßigen Stricker*innen ergab sich, dass das regelmäßige Stricken zu mehr Ruhe und Entspannung im Alltag führen kann und es von vielen als Stress-Abbau erlebt wird. Stricken war hier auch mit Zufriedenheit assoziiert und bei negativen Gefühlen vor dem Stricken berichteten die Mehrheit davon, sich nach dem Stricken besser zu fühlen. Stricken kann auch damit einhergehen, sich kompetent und produktiv zu erleben. Während des Prozesses des Strickens berichten die Proband*innen von Themen, die sich auch auf das restliche Leben übertragen lassen: “Ein Pullover oder Schal wird Masche für Masche gestrickt. Wenn es im Leben einmal hart wird, dann nimm dir auch eine Minute nach der nächsten und irgendwann hast du es durchgestanden.” Und am Ende hast du selbst etwas Eigenes geschaffen, mit ein bisschen Wolle und Stricknadeln.


Fazit

Tätigkeiten, die unter "Kreativität" fallen, gibt es viele. Dadurch ist die Chance auch hoch, dass es eine darunter gibt, die dir liegt und dir Spaß macht. Man darf alles ausprobieren und auch wieder aufhören, wenn es sich doch nicht richtig anfühlt. Vielleicht ist das auch ein positiver Aspekt der hier im Artikel genannten Tätigkeiten: Nichts muss. Es gibt keine Pflicht, keine Aufgaben zu erfüllen, keine externe Kontrolle. Nur du und das, was sich gut anfühlt: Vielleicht entdeckst du das Malen für dich, vielleicht das Stricken. Denn Hobbys sind für alle da, ganz gleich wie kreativ du bist. Und man kann sie auch zusammen ausüben. Vielleicht kennst du im Umfeld eine Person, die dir eine der Tätigkeiten zeigen oder beibringen kann?


Quellen

Asendorpf, J. B. (2019). Persönlichkeitspsychologie für Bachelor. Springer Berlin Heidelberg.


Berking, M. (2017). Training emotionaler Kompetenzen. Springer Berlin Heidelberg. 

Bolton, G. (1999). The Therapeutic Potential of Creative Writing: Writing Myself. Jessica Kingsley Publishers.


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Artikelbild von hartono subagio (Pixabay): https://pixabay.com/photos/painter-street-painter-painting-art-7497233/


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