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Therapy Speak - wenn therapeutische Begriffe zu Alltagswörtern werden

  • vor 16 Minuten
  • 7 Min. Lesezeit

Du stehst in der Küche und räumst gerade die Spülmaschine ein, während dein*e Partner*in am Tisch sitzt. Eigentlich ein normaler Abend. Du erwähnst beiläufig, dass du dich am Wochenende gerne mit Freunden treffen würdest – allein. Plötzlich verändert sich die Stimmung. Ein kurzes Schnauben, ein vorwurfsvoller Blick, ein Kommentar darüber, dass du „schon wieder flüchten würdest“. Du versuchst zu erklären, dass du einfach nur mal Zeit für dich brauchst, doch bevor du den Satz beenden kannst, kippt das Gespräch komplett. Statt über Bedürfnisse zu sprechen, fliegen dir plötzlich Begriffe entgegen, die wie Mauern zwischen euch hochgezogen werden: „Du respektierst meine Grenzen überhaupt nicht“ oder „Deine Art ist gerade einfach nur toxisch“. Auf einmal fühlt es sich nicht mehr wie ein Streit zwischen zwei Menschen an, die sich nahestehen. Aus einem Wunsch nach Freiraum wird eine „Bindungsstörung“, aus einer Meinungsverschiedenheit eine „Manipulation“. Psychologische Begriffe sind präsenter denn je, doch was passiert, wenn die Sprache der Therapie unseren Küchentisch erobert?


Was hinter dem Trend Therapy Speak steckt

In der Fachliteratur wird Therapy Speak  als eine unpräzise und oberflächliche Übernahme psychotherapeutischer Begriffe in die Alltagskommunikation beschrieben. Dabei ist es grundsätzlich positiv, dass psychische Gesundheit entstigmatisiert wird. Diese Begriffe können tatsächlich hilfreich sein, wenn sie präzise verwendet werden. Sie können Gefühle und Bedürfnisse strukturieren und schwierige Erfahrungen in Worte fassen. Problematisch wird es jedoch, wenn diese Begriffe verkürzt oder ohne Verständnisgenutzt werden. Dann ersetzen Labels die konkrete Beschreibung dessen, was passiert ist. Anstatt zu klären, beenden solche Etiketten oft ein Gespräch vorzeitig. Diese Dynamik wird als oberflächliche und fehlerhafte Anwendung  von psychologischen Terminologien beschrieben. Komplexe Konzepte werden vereinfacht oder auf Situationen übertragen, für die sie ursprünglich nicht gedacht waren – dadurch gehen wichtige Nuancen verloren und Missverständnisse nehmen zu.  Es entsteht dann der Eindruck von „Diagnose-Sprache“, ohne dass wirklich Verständnis dahintersteht… und das kann Kommunikationsschwierigkeiten verstärken oder Konflikte sogar verschärfen.


Warum verbreitet sich Therapy Speak so schnell ?

  • Social Media als Beschleuniger:

In kurzen Clips werden Begriffe oft ohne Kontext oder Abgrenzung verbreitet. Dies fördert die Awareness und klärt auf, ist aber nicht immer richtig und kann auch als „Clickbaiting“ genutzt werden.

  • Wunsch nach Klarheit:

Es ist einfacher, jemanden mit einem Etikett zu versehen, wie „Narzisst“, als sich mit dem eigenen Erleben auseinanderzusetzen.

  • Normalisierung mit Nebenwirkung:

Während das Bewusstsein steigt, wächst auch die Gefahr, „normale“ menschliche Konflikte oder Emotionen vorschnell als „Störung“ zu interpretieren, z.B. im Kontext von Selbstdiagnosen.

  • Statussymbol und Pseudo-Expertise:

In der Forschung wird beobachtet, dass Therapy Speak oft von privilegierten Gruppen genutzt wird. Die Verwendung von Fachsprache kann hier ungewollt als Signal für sozialen Status oder vermeintliche moralische Überlegenheit dienen (ganz nach dem Motto: „Ich bin reflektiert, du nicht!“).


Die Chancen: Warum Therapy Speak auch ein Fortschritt ist

Trotz der Kritik darf nicht übersehen werden, dass die Verbreitung psychologischer Sprache ein Zeichen für eine positive gesellschaftliche Entwicklung ist. Die Normalisierung der Begriffe wirkt aktiv der sogenannten epistemischen Ungerechtigkeitentgegen. Das bedeutet: Früher fehlten vielen Menschen, insbesondere marginalisierten Gruppen, schlichtweg die Worte, um ihr Leid oder ihre Unterdrückung zu benennen. Die Integration von Konzepten wie der „postpartalen Depression“ oder der „posttraumatischen Belastungsstörung“ in unseren Alltag hat entscheidend dazu beigetragen, dass betroffene Personen ihre Erfahrungen nicht mehr nur als persönliches Versagen, sondern als ernstzunehmende gesundheitliche Zustände verstehen und teilen können.


Die Vorteile im Überblick:

  • Abbau von Stigmatisierung: Indem wir über Depressionen, Traumata oder Angstzustände sprechen, holen wir diese Themen aus der Tabuzone.

  • Hermeneutische Ressourcen: Begriffe geben uns das Werkzeug an die Hand, um unsere eigene Innenwelt besser zu strukturieren. Wer Worte für seine Gefühle hat, gewinnt ein Stück Selbstbestimmung und Kontrolle über sein Leben zurück.

  • Früherkennung: Ein höheres Bewusstsein für psychische Dynamiken kann dazu führen, dass Warnzeichen früher erkannt werden und der Zugang zu professioneller Hilfe erleichtert wird.

In diesem Sinne ist die Psychologisierung unserer Sprache auch ein Akt des Widerstands gegen das Schweigen. Es geht also nicht darum, die Begriffe wieder aus dem Alltag zu verbannen, sondern sie so präzise zu nutzen, dass sie ihre heilende und aufklärende Kraft behalten.


Die 5 häufigsten Begriffe und ihre Fallstricke

  1. Boundary (Grenze)

Klinisch: Eine Festlegung des eigenen Verhaltens („Wenn du mich anschreist, verlasse ich den Raum“)

Alltags-Fehlanwendung: Oft als Regel über den anderen genutzt („Meine Grenze ist, dass du dich nicht mehr mit Person X triffst.“ oder „Du darfst nicht…“), statt als klare Aussage über das eigene Verhalten. Hier wird die „Grenze“ zum Kontrollinstrument oder Gesprächsstopper.


  1. Trigger

Klinisch: Ein Reiz, der eine intensive Belastungsreaktion (oft im Kontext von Traumata) auslöst.

Alltags-Fehlanwendung: Oft als Synonym für „Das nervt mich“ oder „Das ist mir unangenehm“ genutzt. Das verwässert die Ernsthaftigkeit für Menschen mit klinischen Trigger-Reaktionen. Es soll oft einer anderen Person signalisieren, dass diese ihr Verhalten stoppen soll.


  1. Gaslighting

Klinisch:  Eine manipulative Taktik, um die Wahrnehmung einer Person gezielt und dauerhaft zu untergraben, mit dem Ziel, dieser Person zu schaden.

Alltags-Fehlanwendung: Bei normalem Widerspruch oder bei unterschiedlichen Erinnerungen an ein Ereignis („Du gaslightest mich, das habe ich so nicht gesagt“).


  1. Narzisst

Klinisch: Eine tiefgreifende Persönlichkeitsstörung mit spezifischen Kriterien.

Alltags-Fehlanwendung: Ein pauschales Schimpfwort für egoistisches Verhalten. Dadurch wird menschliches Fehlverhalten pathologisiert, statt die konkrete Dynamik, wie beispielsweise mangelnde Empathie oder kränkende Kommentare zu benennen.


  1. Trauma

Klinisch: Ein Ereignis, das die individuellen Bewältigungsstrategien überfordert und oft spezifische psychische Folgesymptome nach sich zieht.  Ob durch körperliche Gewalt oder psychischen Druck verursacht, bleibt eine emotionale Erschütterung zurück, die sich wie eine tiefe seelische Verletzung anfühlen kann und die nicht selbst von der Person verarbeitet werden kann.

Alltags-Fehlanwendung: Als Etikett für jede belastende Erfahrung („Ich habe im Meeting ein Blackout gehabt und alle haben mich angeschaut, das war so traumatisch“).

Framework: Konkrete Sprache statt Diagnose-Label

Wenn du merkst, dass ein Begriff gerade „zu groß“ für die Situation ist, hilft eine Rückkehr zur präzisen Beschreibung. Eine mögliche Methode ist die Trennung von Beobachtung und Bewertung:

1.     Beobachtung: Was ist genau passiert? (Ohne Interpretation)

2.     Wirkung: Was hat es in mir ausgelöst? (Gefühl oder Bedürfnis)

3.     Wunsch/ Grenze: Was brauche ich konkret von dir oder was werde ich tun?

 

Dies ist nah an dem, was gegen die Kritik aus der Forschung geht: Weg vom Urteil, hin zur präzisen Beschreibung.


6 mögliche Übersetzungen von Therapy Speak in alltagstaugliche Sprache:

„Du gaslightest mich.“

„Ich erlebe das anders, ich brauche, dass wir bei den Fakten bleiben.“

„Das triggert mich.“

„Das stresst mich gerade sehr/ verunsichert mich"

„Du bist ein Narzisst.“

 „Ich wünsche mir mehr Interesse an meiner Perspektive"

„Das hat mich traumatisiert.“

„Das war sehr belastend für mich und ich spüre noch immer die Folgen"

„Ich bin heute so depressiv.“

„Ich fühle mich heute niedergeschlagen und traurig"

„Du bist bindungsgestört.“

"Ich bin verunsichert, weil du dich zurückziehst. Ich würde gerne wissen, wo ich bei dir stehe.“


Warnzeichen: Wenn die Begriffe missbräuchlich verwendet werden

Besonders kritisch wird es, wenn Kontrolle als Selbstschutz getarnt wird. Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Umdeutung von Isolation als persönliche Grenze. Wenn Sätze fallen wie „Wenn du mich liebst, triffst du dich nicht mehr mit dieser Person, das ist meine Grenze“, dann handelt es sich nicht um eine gesunde Selbstfürsorge, sondern um den Versuch, den Bewegungsspielraum des anderen einzuschränken. Dahinter steckt oft eine systematische Verdrehung der Verantwortung. Indem das Gegenüber ständig mit Pathologisierungen wie „zu sensibel“, „zu toxisch“ oder „instabil“ etikettiert wird, schiebt die sprechende Person das Problem vollständig von sich weg. Das eigene Verhalten muss so nicht mehr hinterfragt werden, da das Gegenüber ja bereits als „das Problem“ definiert wurde. In einer gesunden Auseinandersetzung darf man unterschiedlicher Meinung sein, doch wenn das Gegenüber beginnt, die Realität systematisch zu verzerren, verlassen wir den Bereich des normalen Widerspruchs. Hier greift das Konzept des Gaslightings in seiner ursprünglichen, ernsthaften Bedeutung: Es beschreibt das gezielte Untergraben der eigenen Wahrnehmung durch ständiges Lügen oder Leugnen von Tatsachen. Während ein einfacher Streit über Erinnerungslücken zum Alltag gehört, führt Gaslighting zu einer tiefen, chronischen Verunsicherung, bei der Betroffene an ihrem eigenen Verstand zu zweifeln beginnen. Diese Dynamik wird oft durch ein vorschnelles Pathologisieren als Abwertung verstärkt. Wenn Begriffe wie „bipolar“, „narzisstisch“ oder „OCD“ als verbale Argumente genutzt werden, um das Gegenüber mundtot zu machen, hat das schwerwiegende Folgen. Es ist eine Form der Abwertung, die nicht nur das Individuum trifft, sondern auch gesellschaftliche Stigmata befeuert. Dem Gegenüber wird die Glaubwürdigkeit als Zeuge der eigenen Erfahrung abgesprochen, nur weil ihm ein psychologisches Label angeheftet wurde. Das ist besonders fatal für Menschen, die tatsächlich mit solchen Diagnosen leben, da ihre legitimen Gefühle und Beobachtungen durch die inflationäre und abwertende Nutzung dieser Begriffe im Alltag entwertet werden.


Fazit:

Therapy Speak ist nicht grundsätzlich schlecht. Psychologische Begriffe können uns helfen, Schmerz zu benennen und uns selbst besser zu verstehen. Doch wenn sie zur „Waffe“ oder zum schnellen Etikett werden, geht die Bedeutung verloren. Wahre Klärung entsteht meist nicht durch die richtige Diagnose des Gegenübers, sondern durch die mutige Beschreibung des eigenen Erlebens.

Um der Aushöhlung dieser wichtigen Begriffe entgegenzuwirken, hilft eine kleine Checkliste:

  • Prüfe die Absicht: Will ich gerade etwas klären oder will ich das Gespräch nur beenden?

  • Hinterfrage die Quelle: Habe ich das Etikett von TikTok oder Instagram oder verstehe ich die klinische Tiefe dahinter?

  • Frag nach: Wenn jemand Therapy Speak bei dir nutzt, frag freundlich: Du sagst, das triggert dich, was genau meinst du damit in diesem Moment und was brauchst du von mir?


Quellen:

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