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Mythos „Resilienz als Allheilmittel“

Tamara-Sophie
vor 11 Minuten
5 Min. Lesezeit

„Du musst einfach resilienter werden, dann ist alles besser.“


Vielleicht hast du diesen Satz schon öfter gehört. Vielleicht hast du ihn dir selbst gesagt, nachdem du wieder mal einen schwierigen Tag überstanden hast. Für einen psychisch erkrankten Menschen da zu sein, kostet Kraft. Wenn Resilienz als Lösung für alles präsentiert wird, klingt das zunächst hoffnungsvoll. Es kann sich aber auch wie eine weitere Aufgabe anfühlen. Der Gedanke „Wenn ich nur stark genug wäre, müsste mich das alles nicht so belasten“ kann auch Druck ausüben.

Genau da lohnt es sich, genauer hinzusehen. Resilienz kann helfen und stützend wirken. Aber sie macht eine schwere Situation nicht automatisch leicht.

Du hältst viel aus und trotzdem wird dir manchmal alles zu viel? In diesem Artikel erfährst du, warum das kein Widerspruch ist und weshalb Resilienz nicht jede Belastung lösen kann.



Was Resilienz eigentlich beschreibt


In der psychologischen Forschung geht es bei Resilienz um die Frage, wie Menschen unter Belastung handlungsfähig bleiben oder nach schwierigen Erfahrungen wieder Stabilität finden. Sie ist kein unveränderlicher Wert, den du entweder hast oder nicht hast und sie entsteht nicht allein in deinem Kopf. Auch Beziehungen, Sicherheit und Unterstützung spielen eine Rolle dabei, wie resilient jemand ist (Southwick et al., 2014; Ungar, 2011).

Das ist für Angehörige psychisch erkrankter Menschen wichtig. Du kannst lernen, eine Krise besser einzuordnen oder deine Grenzen früher wahrzunehmen. Gleichzeitig bleibt die Erkrankung deines nahestehenden Menschen real. Termine müssen organisiert, Sorgen ausgehalten und Entscheidungen getroffen werden. Manchmal kommen noch eigene Arbeit, Familie oder Gesundheit obendrauf.

Dass dich das belastet, ist verständlich und sagt nichts Schlechtes über deine Resilienz aus.


Was Resilienz leisten kann


Resilienz zeigt sich in verschiedenen Formen. Vielleicht merkst du nach einem schwierigen Gespräch schneller, dass du eine Pause brauchst. Vielleicht fällt es dir leichter, selbst um Unterstützung zu bitten. Vielleicht weißt du inzwischen besser, welche Fragen du einer Fachperson stellen möchtest. Solche Veränderungen können im Alltag schon viel bewirken.

Auch die Forschung deutet darauf hin, dass Maßnahmen zur Resilienzförderung hilfreich sein können. Eine große Metaanalyse fand im Durchschnitt einen positiven Effekt von Resilienzinterventionen. Allerdings unterschieden sich die Ergebnisse zwischen den einzelnen Studien deutlich. Zudem wird „Resilienz“ nicht überall gleich definiert und gemessen. Aus dem Durchschnitt lässt sich deshalb nicht vorhersagen, wie viel genau ein bestimmtes Angebot einer einzelnen Person in ihrer Lebenssituation hilft (Liu et al., 2020). Aber einen positiven Effekt können Interventionen haben.

Du kannst also hilfreiche Fähigkeiten entwickeln. Daraus folgt aber nicht, dass du künftig alles aushalten musst oder dass jede Belastung durch die richtige Übung verschwindet. Resilienz unterstützt dich, kann aber nicht immer alles abschirmen.


Woher der Mythos kommt


Der Satz „Du musst einfach resilienter werden“ hält sich schon lange. Forschende beschreiben, dass Resilienz meist als Sache des Einzelnen verstanden wird. Dadurch entstehen Maßstäbe dafür, wie resilient man sein sollte. Wer nicht ausreichend resilient ist, kann dadurch Schuld und Scham erleben (Bryant & Aggleton, 2025). Ein Problem, das oft auch in den Umständen liegt, wird so zur Aufgabe der einzelnen Person.


Die drei Fehler des Mythos


Fehler 1: Hilfe wird zur Verpflichtung


Der Mythos beginnt dort, wo aus „Resilienz kann unterstützen“ ein Versprechen wird: „Resilienz löst das Problem.“ Dann wirkt es, als ließe sich jede noch so schwierige Lage durch mehr innere Stärke ausgleichen. Dann wird aus einem hilfreichen Gedanken eine Pflicht zur ständigen Hilfeleistung. Die unausgesprochene Botschaft lautet dann: „Die Umstände bleiben für dich, wie sie sind. Du musst nur lernen, sie besser auszuhalten.“

Das kann sich nach viel Druck anfühlen.


Fehler 2: Erschöpfung wird zum persönlichen Scheitern


Der Mythos macht noch einen zweiten Fehler. Er behandelt Erschöpfung wie ein persönliches Scheitern. Als gäbe es für jede schwierige Lage eine Fähigkeit, die du nur ausreichend üben müsstest. Doch wie gut jemand mit Belastung zurechtkommt, hängt auch davon ab, wie lange sie anhält und welche anderen Ressourcen verfügbar sind. Dieselbe Person kann eine Krise gut bewältigen und bei der nächsten an ihre Grenzen kommen. Resilienz ist kein fester Vorrat, der unabhängig von den Umständen immer gleich viel aushalten lässt (Southwick et al., 2014; Ungar, 2011).

Wenn du trotz Übungen, Wissen und guten Vorsätzen erschöpft bist, hast du also nicht „falsch“ an deiner Resilienz gearbeitet. Vielleicht ist es gerade einfach zu viel zu tragen.


Fehler 3: Persönliche Bewältigung als alleinstehende Lösung


Und schließlich verwechselt der Mythos persönliche Bewältigung mit einer Lösung für das gesamte Problem. Es kann hilfreich sein, nach einem aufwühlenden Gespräch wieder zur Ruhe zu kommen. Wenn du aber seit Wochen kaum schläfst oder die Verantwortung allein trägst, braucht es womöglich mehr als eine Strategie für den nächsten angespannten Moment. Dann geht es auch darum, wer dich entlasten kann und welche Hilfe für dich erreichbar ist.

Die Belastungen von Angehörigen geht weit über den Umgang mit den eigenen Gefühlen hinaus. Angehörige brauchen sowohl Verständnis als auch konkrete Hilfe. Mehr innere Stärke allein kann eine solche Last nicht einfach verschwinden lassen.


Belastbar heißt nicht unberührt


Wer nach außen weiter funktioniert, ist nicht automatisch unbelastet. Vielleicht erledigst du alle Termine, hörst geduldig zu und findest auch in der nächsten schwierigen Situation eine Lösung. Gleichzeitig schläfst du schlecht und merkst, dass für dich selbst kaum noch etwas übrigbleibt. Viel auszuhalten kann eine Zeit lang funktionieren. Es ist aber kein Beweis dafür, dass dir die Belastung nichts anhaben kann. Und nur weil du resilient bist, bedeutet es nicht, dass du unbeeinflusst von äußeren Problemen sein musst. 

 

Fazit


Der Satz „Werde resilienter, dann ist alles besser“ klingt einfach. Aber nur weil Resilienz kein Allheilmittel ist, verliert sie nicht ihren Wert. Sie kann dir helfen, mit schwierigen Gefühlen umzugehen, einen nächsten Schritt zu sehen oder eine Grenze früher zu bemerken. Aber sie muss weder die Erkrankung deines Angehörigen auffangen noch fehlende Entlastung ersetzen.

Vielleicht verändert sich damit die Frage. Nicht: „Warum bin ich nicht belastbar genug?“ Sondern: „Was kann ich selbst beeinflussen, und was braucht meine Situation darüber hinaus?“ Manchmal hilft dir eine Fähigkeit, die du selbst entwickeln kannst. Manchmal hilft ein Mensch, der zuhört oder eine Aufgabe übernimmt. Und manchmal brauchst du fachliche Unterstützung. Es gibt nicht das eine Allheilmittel für alle Probleme, und auch Resilienz ist es nicht.

Resilienz kann dir helfen, durch schwere Zeiten zu kommen. Sie verspricht nicht, dass diese Zeiten leicht werden. Vor allem verlangt sie nicht, dass du deine Grenzen ignorierst. Wenn etwas zu viel ist, darf genau das sichtbar werden.

Vielleicht kennst du auch den Gedanken, dass du eigene Bedürfnisse hinten anstellst, wenn es einer nahestehenden Person schlecht geht. Wenn dir das vertraut vorkommt, lies gern unseren Artikel „Wenn die eigenen Probleme plötzlich unwichtig wirken“.


Bryant, J., & Aggleton, P. (2025). The problem with resilience: Individualisation, reductionism and relationality in health discourses on resilience. Sociology of Health & Illness, 47(4), Article e70031. https://doi.org/10.1111/1467-9566.70031


Liu, J. J. W., Ein, N., Gervasio, J., Battaion, M., Reed, M., & Vickers, K. (2020). Comprehensive meta-analysis of resilience interventions. Clinical Psychology Review, 82, Article 101919. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2020.101919


Southwick, S. M., Bonanno, G. A., Masten, A. S., Panter-Brick, C., & Yehuda, R. (2014). Resilience definitions, theory, and challenges: Interdisciplinary perspectives. European Journal of Psychotraumatology, 5, Article 25338. https://doi.org/10.3402/ejpt.v5.25338


Ungar, M. (2011). The social ecology of resilience: Addressing contextual and cultural ambiguity of a nascent construct. American Journal of Orthopsychiatry, 81(1), 1–17. https://doi.org/10.1111/j.1939-0025.2010.01067.x


Bildquelle:  https://unsplash.com/de/grafiken/person-mit-blauen-haaren-und-schmetterling-ETqphcwjrto

 


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