„Ich habe Gefühle, die ich eigentlich nicht haben dürfte!“ – Weg von der Selbstverurteilung hin zur Selbstakzeptanz
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Als Angehörige*r oder Begleitperson eines Menschen mit einer psychischen Erkrankung stehst du oft unter einem enormen, meist unsichtbaren Erwartungsdruck. Die eigene psychische Belastung wird häufig zugunsten der anderen Person zurückgestellt. Es entsteht oft der Eindruck, dass die Begleitung reibungslos funktionieren müsste, wenn man sich nur genug bemüht. Doch die Realität zeigt, dass es schnell zu emotionalen Konflikten kommen kann. Man investiert Zeit sowie Energie und ist dann frustriert, wenn die erkrankte Person keine Unterstützung annehmen möchte oder sich anders verhält, als man es sich vorgestellt hat. Das Resultat ist oft tiefe Frustration. Hinzu kommen Schuldgefühle, weil man denkt, als Unterstützer*in belastbarer sein zu müssen.
Hinter diesen schmerzhaften Momenten steckt etwas, über das kaum jemand spricht: die emotionale Überforderung der Angehörigen. Warum fühlen wir Wut, Scham oder eine Ambivalenz gegenüber jemandem, der doch eigentlich unsere Hilfe braucht? Die Antwort liegt in der notwendigen Anerkennung unserer eigenen Grenzen und im Weg von der Selbstverurteilung hin zur Selbstakzeptanz.
„Ich darf das nicht fühlen“ – Die Last der „verbotenen“ Emotionen
Trotz der Liebe und der engen Verbundenheit zu betroffenen Personen erleben Angehörige und Wegbegleiter häufig Gefühle, die sie am liebsten unterdrücken würden. Diese Emotionen sind kein Zeichen eines mangelnden Charakters. Sie sind Folgen einer dauerhaften Stressbelastung. Wenn wir uns verbieten, unsere Emotionen zu spüren, entsteht ein innerer Druck, der oft in Erschöpfung oder Frustration endet. Da ist Wut und Aggression, wenn Pläne zum zehnten Mal scheitern. Wichtig ist zu verstehen: Sie sind häufig ein Resultat aus ungelöster Frustration und Angst. Da ist auch Scham und Schuld, wenn das Verhalten der erkrankten Person in der Öffentlichkeit auffällt. Während Schuld meist mit einer konkreten Handlung verknüpft ist, ist Scham tief mit dem eigenen Selbstbild und der Angst vor Ablehnung verbunden. Und da ist zudem eine mögliche Ambivalenz, die gespürt wird: der gleichzeitige Wunsch, dem anderen nah zu sein und die Sehnsucht, einfach wegzulaufen und Abstand zu nehmen.
Weg aus der emotionalen Zwickmühle
Um die psychische Gesundheit von Angehörigen zu schützen, braucht es einen Strategiewechsel der inneren Haltung:
1. Belastende Emotionen sind in Ordnung und normal
Gefühle sind Informationen über den eigenen Zustand. Schuld und Scham sind natürliche Reaktionen, um persönliche Werte zu reflektieren. Das Ziel ist es, diese Emotionen klar zu benennen, um Distanz zu gewinnen und sie objektiver zu betrachten.
2. Raum für Ambivalenzen und Abgrenzung schaffen
Ambivalenz beschreibt das gleichzeitige Bestehen gegensätzlicher Gefühle. Wir neigen häufig zu einem Entweder-oder-Denken: Entweder ich mag die Person oder ich bin wütend auf sie. Heilung beginnt dort, wo wir das „Sowohl-als-auch“ zulassen. Es ist möglich, eine Person zutiefst zu lieben und gleichzeitig die Auswirkungen ihrer Erkrankung zu hassen. Diese Gleichzeitigkeit anzuerkennen, nimmt der Selbstverurteilung den Wind aus den Segeln. Es ist kein Zeichen von Instabilität, sondern bildet die Komplexität der Situation ab. Das Zulassen dieser Gegensätze reduziert den Druck, sich für eine Seite entscheiden zu müssen. Es ist gesund und notwendig, sich abzugrenzen. Abgrenzung bedeutet nicht Isolation, sondern das Recht auf ein eigenständiges Leben. Die Bedürfnisse von anderen Menschen sind nicht deine eigenen Bedürfnisse. Es darf dir gut gehen, auch wenn es der erkrankten Person gerade schlecht geht. Mitgefühl hilft zu unterstützen, während Mitleid zur eigenen Belastung führt.
3. Emotionsregulation statt Unterdrückung
Wenn die Wut hochkocht, hilft kein Unterdrücken. Effektive Regulation bedeutet, das Gefühl wahrzunehmen, ohne danach zu handeln. Suche dir kleine Tätigkeiten, die dir ein sicheres Ventil bieten, damit das Fass nicht überläuft. Du könntest dir beispielsweise kurze „Time-outs“ nehmen, dich körperlich bewegen, Gefühle objektiv aufschreiben oder aktiv nach Hilfe fragen. Vermeide es, unrealistische Perfektionsansprüche an dich selbst zu stellen oder dich mit anderen zu vergleichen.
Das Ziel: Selbstakzeptanz statt Selbstverurteilung
Das primäre Ziel im Umgang mit der eigenen Gefühlswelt ist die Entwicklung von Selbstakzeptanz. Dies bedeutet, die aktuelle emotionale Realität anzuerkennen, ohne sie sofort moralisch zu bewerten. Der Prozess der Selbstakzeptanz hilft dabei, die Spirale der Selbstverurteilung und psychischen Zusatzbelastung zu unterbrechen:
Wahrnehmen ohne Bewertung: Beispielsweise wird Wut als Signal für Überlastung registriert, nicht als Beweis für mangelndes Einfühlungsvermögen.
Reduzierung von Stress: Das Aufhören, gegen die eigenen Gefühle zu kämpfen, setzt kognitive Kapazitäten frei, die für Problemlösungen im Alltag genutzt werden können.
Erhalt der Beziehungsqualität: Durch die Akzeptanz eigener Grenzen und Emotionen kann langfristig eine unterstützende Rolle eingenommen werden, ohne selbst auszubrennen oder in passive Aggressivität zu verfallen.
Resilienz in der Begleitung psychisch erkrankter Menschen entsteht nicht durch Selbstaufgabe, sondern durch Selbstmitgefühl. Wer sich für seine Gefühle schämt, verbraucht Energie, die für die Bewältigung des Alltags gebraucht wird. Wenn wir lernen, unsere eigenen emotionalen Grenzen als valide anzuerkennen, schaffen wir die Voraussetzung dafür, langfristig als Unterstützer*in stabil zu bleiben.
Wie der Wechsel im Kopf konkret aussehen kann
Der Weg von der Verurteilung zur Akzeptanz ist ein bewusster Lernprozess, der sich in drei möglichen Schritten umsetzen lässt:
Innehalten und Benennen: Statt impulsiv auf Emotionen zu reagieren, sagst du dir: „Ich bemerke gerade, dass ich frustriert bin.“
Validieren ohne Bewerten: Erinnere dich an die Belastung: „Es ist nachvollziehbar, dass ich so fühle, weil ich seit Tagen unter Dauerstress stehe.“
Die „Erlaubnis“ geben: Ersetze den Satz „Ich sollte so nicht fühlen“ durch „Ich nehme dieses Gefühl an, ohne mich dafür zu bestrafen. Es darf da sein.“
Fazit & Ausblick
Sich einzugestehen, dass die Begleitung eines psychisch belasteten Menschen auch in uns selbst schwierige Reaktionen auslöst, ist ein notwendiger Teil der Psychohygiene. Wenn wir aufhören, gegen unsere eigenen Emotionen zu kämpfen, gewinnen wir Energie zurück, die wir für den Alltag benötigen. Selbstakzeptanz bedeutet, die eigenen Kapazitäten realistisch einzuschätzen und sich für die eigenen Empfindungen nicht zu verurteilen. Unsere eigenen Bedürfnisse haben eine Berechtigung. Vielleicht ist der nächste Moment, in dem du Wut, Scham oder Trauer empfindest, eine gute Gelegenheit, um kurz innezuhalten, durchzuatmen und dir selbst zu sagen:
„Es ist okay, dass ich gerade so fühle. Ich bin auch nur ein Mensch.“
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