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Kodependenz – wenn man nicht ohne den anderen kann

  • Philipp
  • 17. Dez. 2025
  • 7 Min. Lesezeit
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Es geht um das Beziehungsmuster Kodependenz, Co-Abhängigkeit, und was für Konsequenzen aus einem Leben in einer kodependenten Struktur entstehen können. Anschließend befassen wir uns mit den potenziellen langfristen Folgen und verfügbaren Ressourcen für betroffene Angehörige.


 

Kodependenz? Interdependenz? Abhängigkeit?

Der Begriff der Kodependenz beschreibt eine einseitige Abhängigkeit in einer sozialen Verbindung. Er ist abzugrenzen vom Begriff der Interdependenz, bei der eine wechselseitige Abhängigkeit zwischen zwei oder mehr Personen besteht, welche sich sowohl positiv als auch negativ oder neutral äußern kann. Interdependenz als solche ist entsprechend omnipräsent in jeglichen sozialen Kontexten.

Im Gegensatz hierzu beschreibt das Konstrukt der Kodependenz einen psychosozialen Zustand in dysfunktionalen Beziehungsmustern. Der Begriff entstammte ursprünglich dem Kontext der Suchttherapie, wo er verwendet wurde, um die Verhaltensweisen von Angehörigen suchtkranker Menschen zu beschreiben, welche das Suchtverhalten ihrer Bezugsperson – zumeist ihrer Lebenspartner – unbewusst aufrechterhielten. In Abgrenzung hierzu wird der Begriff heute in breiteren Kontexten benutzt, um generell dysfunktionale Beziehungsmuster zu beschreiben, welche sowohl familiär als auch romantisch oder platonisch sein können.


Welche Strukturen herrschen in einer Kodependenz vor?

Sofern es sich bei der Verbindung um eine Dyade - also nur das Zusammenwirken zweier Personen - handelt, so besteht häufig eine Struktur, in welcher es eine versorgende und eine versorgte Person gibt. Je nach situativem Kontext ist es auch theoretisch möglich, dass beide Personen im Bezug zueinander beide Rollen erfüllen, sofern beide Personen durch ihre eigene Disposition in die Rolle der versorgten Person geraten können. Die kodependente Person ist dabei jene, welche die Rolle der versorgenden Person einnimmt. Die Kodependenz ist von der abhängigen Persönlichkeitsstörung abzugrenzen bei welcher sich die betroffene Person selbst durch den Wunsch des Versorgt-Werdens auszeichnen würde, während die kodependente Person selbst versorgend agiert. Das Verhalten einer kodependenten Person ist zwar international bekannt und wird auch als eigenes Störungsbild diskutiert, hat jedoch noch keinen Einzug als definiertes Syndrom in die Wissenschaft gefunden.

Im Rahmen der Beziehung der Personen untereinander äußert sich Kodependenz durch einen starken Fokus außerhalb des Selbst durch die kodependente Person. Die kodependente Person tendiert dazu, die Bedürfnisse der Person, auf die sich die Kodependenz bezieht (also die „versorgte“ Person) über die eigenen Bedürfnisse zu stellen. In der Folge wird im Rahmen der Interaktion mit der Bezugsperson das individuelle Selbst zurückgestellt oder partiell aufgegeben, um die unterstützende Rolle bestmöglich erfüllen zu können.


Welche Folgen drohen der kodependenten Person?

Missachtet die kodependente Person diesen sich selbst auferlegten Anspruch, so können sich Schuldgefühle zeigen, die ihr zur Verfügung stehenden Ressourcen nicht für die Bezugsperson verwendet zu haben. Selbst wenn die eigenen Ressourcen für die Bezugsperson aufgewendet werden, so kann sich dennoch das Gefühl einstellen, dass die eigenen verfügbaren Ressourcen als unzureichend wahrgenommen werden. Diese Situation erzeugt neben Selbstzweifeln wiederum in der kodependenten Person unter anderem auch die Sorge, die Bezugsperson zu verlieren. Oftmals geht dieses Verhalten einher mit dem einerseits fehlenden Ausdruck der eigenen Emotionen oder dem aktiven Unterdrücken eigener Emotionen, da ein Konflikt sich so bedrohlich anfühlt, dass er vermieden wird.

Durch den stark gesteigerten Fokus der kodependenten Person auf ihre Bezugsperson findet zudem eine sukzessive Abgrenzung der kodependenten Person von ihrem restlichen sozialen Netzwerk statt. Dieses Verhalten wiederum beraubt sie in der Folge ausgleichender Ressourcen, welche in Stresssituationen für die kodependente Person entlastend wirken könnten. Studien gehen davon aus, dass die aktive Einbindung bzw. die Aufrechterhaltung des eigenen sozialen Netzwerkes eine essenzielle Rolle darin spielt, die kodependente Person bei ihren selbstgewählten Strategien, mit den äußeren Belastungen umzugehen, zu unterstützen.


Was sagt die Wissenschaft?

Aktuelle Forschung untersucht fortlaufend, wie kodependente Strukturen entstehen. Dabei wurden mithilfe von Studien bereits Bezüge von Kodependenz zu verschiedenen Erlebnissen und Strukturen in der Kindheit und Jugend der später kodependenten Person gefunden. Hierbei sind unter anderem emotionaler und/oder physischer Missbrauch, ein stark ausgeprägter autoritärer Erziehungsstil und Mangel an Akzeptanz des Selbst zu nennen. Auch erste Verbindungen zu Bindungsstilen werden untersucht. Es muss allerdings betont werden, dass in diesem gesamten Bereich noch keine vollumfänglich eindeutige Wissenslage gegeben ist.


Wer kann von Kodependenz betroffen sein?

Kodependenz ist ein zynisches Muster. Es kann in Strukturen entstehen, in denen eine Person, welche legitimerweise „versorgt“ werden könnte, und eine ihr nahestehende Person, welche sich selbst mit verfügbaren Ressourcen ausgestattet sieht, um in eine „versorgende“ Rolle zu schlüpfen, akut aufeinandertreffen.

Ein offenkundiges Beispiel hierfür findet sich bei psychisch erkrankten Personen und ihrem direkten Umfeld. Zum Beispiel also die Familie eines erkrankten Kindes.  Auch ist es schwer, von außen als nicht akut eingebundene Person die Unterscheidung zwischen Selbstlosigkeit und Aufopferung in gesundem Maße bis hin zum Übergang zu einer Abhängigkeitsstruktur, wo die helfende Person über ihre eigenen Grenzen tritt, wahrzunehmen.

Wie beschrieben, wird diese Problematik noch zusätzlich dadurch verstärkt, dass im Falle einer auftretenden Kodependenz die kodependent gewordene Person sich so stark auf ihre Bezugsperson fokussiert, dass nicht nur eine Selbstaufgabe in gewissem Maße stattfindet, sondern auch eine ungewollte Abgrenzung aus dem eigenen sozialen Netzwerk erfolgt, um jegliche Ressourcen in die Bezugsperson zu investieren, welche geschützt werden soll. So berauben sich kodependente Personen ungewollt selbst der Möglichkeit, Unterstützung aus ihrem Umfeld für sich selbst in Anspruch zu nehmen. Im Folgenden soll das Muster von kodependenten direkten Angehörigen näher beleuchtet werden, wobei betont werden muss, dass Kodependenz auch in nicht-familiären Strukturen auftreten kann.


Ich glaube, ich bin kodependent – bin ich dann auch psychisch krank?

Das Konstrukt der Kodependenz ist – anders als die teils in der Symptomatik ähnliche, allerdings auf anderen Grundlagen beruhende abhängige Persönlichkeitsstörung – nicht in den klassifizierenden DSM-5 bzw. ICD-10 (herausgegeben von der American Psychiatric Association, kurz APA, bzw. der World Health Organization, kurz WHO, zur Klassifizierung von [psychischen] Krankheiten) vertreten. Entsprechend kann im strikt wissenschaftlichen Sinne nicht von einer eigenen psychischen Erkrankung gesprochen werden.

Nichtsdestoweniger zeigt sich, dass das Konstrukt der Kodependenz international bekannt ist und auch zunehmend als eigenes Störungsbild diskutiert wird. Studien zeigten zudem, dass – selbst, wenn sie tatsächlich nicht kodependent sind – Angehörige von suchtkranken Personen selbst eine Quasi-Diagnose aus ihrem direkten, auch und gerade nichtwissenschaftlichen, Umfeld erhalten. Es liegt zwar der Gedanke nahe, dass die Benennung des problematischen Bezuges als solche auch die Sichtbarkeit der Probleme der Angehörigen zu Tage fördert, jedoch wird in der aktuellen Literatur davon ausgegangen, dass dem entgegenstehend ein stigmatisierender Effekt steht, welcher es Betroffenen – gerade, wenn sie tatsächlich kodependent sind – erschwert, selbst Hilfe in Anspruch zu nehmen.


Welche Belastungen wirken auf Angehörige?

Die fortlaufende Unterstützung von anderen Personen bindet eigene Ressourcen, welche gegebenenfalls auch für die Aufrechterhaltung des eigenen Selbst benötigt würden. Kodependente Personen laufen Gefahr, trotz der Aufopferung aller ihnen möglichen Ressourcen ein Gefühl zu entwickeln, dass ihre Anstrengungen für die Bezugsperson nicht genügen – und sie fürchten massivste Konsequenzen, insbesondere, von der Bezugsperson verlassen zu werden. Die kodependente Person befindet sich daher gegebenenfalls in einem Zustand, in welchem sie einerseits selbst nicht mehr genügend Ressourcen zur Verfügung haben, um sich selbst abzugrenzen und vor überhöhter Selbstaufopferung zu schützen. Andererseits empfinden sie aber genauso wenig eine adäquate Versorgung ihrer Bezugsperson und zusätzlich sind sie durch die übermäßige Fokussierung auf die Bezugsperson in ihrem eigenen sozialen Netzwerk, welches unterstützende Ressourcen bieten könnte, weniger eingebunden. Hier droht im fortgeschrittenen Fall gar eine soziale Isolation abseits der Bezugsperson. Die Konsequenz ist eine zunehmende Belastung durch die eigene emotionale Lage, welche primär von Schuldgefühlen getrieben wird. Es wird davon ausgegangen, dass die kodependente Person durch die Belastungsfaktoren in ihrer biographischen Handlungsfähigkeit bedroht ist, was insbesondere heißt, dass sie sich selbst nicht mehr ausreichend als selbstwirksam wahrnimmt.


Wie entkomme ich Kodependenz?

Entscheidend ist, dass eine kodependente oder von kodependenten Strukturen bedrohte Person adäquate Mechanismen findet, welche ihr bei der Bewältigung der Belastung helfen. Wie dargestellt, entsteht ein strukturelles Problem deutlich durch die fortlaufende Abwendung vom eigenen sozialen Netzwerk. Hier kann schnell und bedeutsam angesetzt werden. Durch die Existenz anderer Bindungen findet eine Loslösung von dem unbedingten Fokus auf die Bezugsperson statt und es können im Idealfall Ressourcen zur Aufrechterhaltung des eigenen Selbst genutzt werden. Zudem sollte – wenn notwendig, natürlich mit professioneller Hilfe – identifiziert werden, welche eigenen Grenzen im Verlauf der kodependenten Bindung überschritten oder missachtet wurden. Davon ausgehend, dass vorher ein stabiles Selbst vorherrschte, ist es umso relevanter, die Grenzen wieder zu festigen und eine Abgrenzung von derart überschreitenden Verhaltensweisen vorzunehmen, insbesondere, wenn diese ausschließlich aus der eigenen emotionalen Lage erwachsen.


Ausblick: Ich möchte kodependente Personen in meinem Umfeld unterstützen. Wo wird Hilfe geboten?

In der jüngeren Vergangenheit wurde zunehmend die Problematik erkannt, dass es im Rahmen der Unterstützung der Angehörigen von [psychisch] erkrankten Personen kaum spezifisch für diese Zielgruppe ausgewiesene Unterstützungsangebote gibt. Befragungen von dieser Zielgruppe zeigten jedoch einen klaren Ausblick, welcher verfolgt werden sollte: Viele Angehörige nannten die Befürchtung von Ausgrenzung und Stigmatisierung als großes Problem und äußerten den Wunsch, mehr in ihrem Wirken gesehen und respektiert zu werden. Gerade um dem Aspekt des Gesehen-Werdens gerechter werden zu können, sprechen sich zunehmend Stimmen in der einschlägigen Literatur dafür aus, neue, schützende Konzepte fortan partizipativ zu gestalten, sprich, sie aktiv mit der Zielgruppe der betroffenen Angehörigen zu entwerfen.


Fazit

Kodependenz beschreibt eine zumeist asymmetrische, negative Abhängigkeit von Personen untereinander. Die kodependente Person neigt dazu, die Bezugsperson, welche eine zu schützende Rolle einnimmt, über sich selbst zu stellen und sich in ihrem Tun und Denken sehr verstärkt auf die Bezugsperson zu fixieren. Es gibt Ausblicke, welche Bewältigungsstrategien kodependente Personen unterstützen können und welche Risikofaktoren das Auftreten von Kodependenz in einer Person begünstigen, allerdings gibt es keine vollumfänglich klare Studienlage in der Wissenschaft. Um den Angehörigen von psychisch erkrankten Personen gute Unterstützung angedeihen zu lassen, ist auch und gerade für sie ein funktionierendes soziales Netzwerk unverzichtbar. Selbst wenn eine kodependente Struktur entstanden sein sollte, kann dies der integrale erste Schritt sein, um die betroffene Person dabei zu unterstützen, wieder selbst auf sicheren Beinen zu stehen.


Quellen:

https://aware-psymagazin.ch/artikel/syndrom/don-t-let-me-down, abgerufen am 09.11.2025


https://positivepsychology.com/codependency-definition-signs-worksheets/, abgerufen am 10.11.2025


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Bild Quelle: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-im-grauen-rollkragenpullover-6147272/


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