Druck, Druck, Leistungsdruck


Leistung, Stress und Leistungsdruck? Was der Druck mit uns macht.

Häufig liest man, dass ein gewisser Stress gut für die Leistung der Mitarbeiter eines Unternehmens sei, da Diamanten ja auch nur unter großem Druck im Erdreich entstünden. Diese, zugegebenermaßen etwas platte Metapher beschreibt eine recht weitläufig verbreitete Annahme, dass mit erhöhtem Stress in einem Unternehmen auch eine Produktionssteigerung in selbigem einherginge. Gerne wird in diesem Zusammenhang auch der Begriff „Eustress“, also positiver Stress, herangezogen. Aber ist es tatsächlich so? Erhöht Stress tatsächlich nachhaltig unsere Leistung, oder macht man es sich mit dieser Annahme vielleicht etwas zu einfach?



Das Trockene vorweg, die Stresstheorie

Zunächst muss man hier erstmal eine kleine Begriffsbestimmung vornehmen, da jeder eine gewisse Vorstellung davon hat, was Stress ist, man es aber teils recht schwer in Worte fassen kann. Ferner gibt es eine Menge an genutzten Wörtern, die für Stress oder seine Bestandteile stehen, es ergibt also Sinn, hier vorab etwas Licht ins Dunkle zu bringen. Wissenschaftlich etabliert hat sich, „Stress“ als den gesamten Prozess der Stressreaktion, also der Reaktion des Körpers auf einen gewissen Stressor (=Auslöser) zu betrachten. Diese Stressoren können sehr vielfältig sein, im Arbeitskontext sind es häufig Zeitdruck oder soziale Konflikt. Man unterscheidet hier zwischen sogenannten „challenge stressors“ und „hindrance stressors“. „Challenge stressors“ sind eher als eine Art Herausforderung zu betrachten, die zwar ein zusätzliches Maß an Anstrengung erfordern, jedoch meist als gut bewältigbar wahrgenommen werden. Ein Beispiel hierfür ist Zeitdruck, der die Aufgabe nicht potentiell unmöglich, aber doch herausfordernder macht. „Hindrance stressors“ hingegen, werden als nicht oder schwer bewältigbar empfunden und sind beispielsweise etwas wie Rollenkonflikte oder organisatorische Probleme der Arbeit, die ein Fortkommen erheblich behindern. Grundsätzlich erfordern Stressoren immer Anstrengung, verbrauchen also immer Energie.



Stress und Gesundheit – wie geht das zusammen?

Welchen Einfluss haben also diese Stressoren auf unser Leben und unsere Gesundheit auf der Arbeit? Ein Modell, welches versucht diese Frage zu beantworten, ist das „Job-Demands Job-Ressources-Modell von Demerouti et al. (2001) und Schaufeli & Bakker (2004). Das Modell nimmt einen positiven Zusammenhang zwischen der Stärke von Stressoren und der Gefahr eines Burnouts an, sprich, je stärker und zahlreicher die Stressoren, die auf eine Person wirken, desto höher ist die Gefahr der Person an einem „Burnout“ zu erkranken. Ferner nimmt das Modell an, dass sogenannte Arbeitsplatzressourcen sich negativ auf die Gefahr eines Burnouts niederschlagen und sich dementgegen positiv auf die Arbeitsmotivation auswirken. Unter Arbeitsplatzressourcen versteht man die Aspekte der Arbeit, die dazu führen können, dass Stress reduziert wird. Dieses Modell unterstützt die Annahme, dass Stressoren stets Anstrengung und damit Energie kosten.

Soweit, so den meisten bekannt. Wie steht es nun also um die Leistung? Da ergibt es ja zunächst mal Sinn, sich zu fragen, wie es denn absolut um das Verhältnis von Leistung und Stress bestellt ist. Beeinflussen sich diese beiden Komponenten gegenseitig?



Diamanten entstehen unter Druck?

In einer Laborstudie von Searle, Bright & Bochner (1999) wurde genau das untersucht. Aufgabe der Teilnehmer war es, Briefe zu sortieren. Dann wurden die Stressoren manipuliert. So konnten die Wissenschaftler beeinflussen, wie viel Zeit die Teilnehmer pro Brief zum sortieren hatten und konnten ebenfalls die Zielvorgabe an zu sortierenden Briefen verändern und so den Stress der Teilnehmer beeinflussen. Es zeigte sich, dass unter hohem Stress zwar tatsächlich mehr Briefe sortiert wurden, das Volumen der verrichteten Arbeit also stieg, insgesamt aber auch mehr Fehler gemacht wurden und die Teilnehmer ihre eigene Leistung mit steigendem Stress zunehmend schlechter bewerteten. So gesehen erhöhte also hoher Stress in dieser Studie tatsächlich die Leistung.

Ein weiteres Modell, welches sich mit dieser Frage beschäftigt, ist das Modell der kompensatorischen Leistung nach Hockey. Hier wird angenommen, dass Personen unter Stress einen Leistungsabfall vermeiden wollen und deswegen eine Priorisierung der zu erledigenden Arbeit vornehmen. Personen fokussieren sich auf die primären Aufgaben ihrer Arbeit, welche meist quantitativer Natur sind, und investieren die meiste Anstrengung in diese. Folglich werden andere Aspekte der Arbeit vernachlässigt, in diesem Fall etwa die Qualität und Sicherheit, aber auch andere sekundäre Aspekte. Diese Vernachlässigungen führen dann, notwendigerweise zu Leistungseinbußen in diesen Bereichen.



Der Teil, der diesen Artikel von einem Lehrbuch unterscheidet

Soweit die blanke Theorie. Aber wie könnte sowas praktisch aussehen? Nehmen wir einmal an in deiner Fabrik werden kleine Blechteile ausgestanzt. Dazu muss ein Arbeiter die Blechplatte, aus der das Teil ausgestanzt werden soll, auf seinen Platz legen und dann zwei Schalter betätigen, um die Maschine in Gang zu setzen. Erhöhter Stress, etwa eine Forderung nach größeren gefertigten Stückzahlen, könnte dazu führen, dass der Arbeiter die Metallplatte nicht mehr mit größter Sorgfalt an seinen Platz legt, sondern dies vernachlässigt, weil er so konzentriert darauf ist schneller zu arbeiten. So erhöht sich die Anzahl von Fehlern. Richtig gefährlich wird dieser erhöhte Stress dann, wenn die Arbeitssicherheit darunter leidet. Wenn also die Forderungen nach erhöhter Stückzahl soweit steigen, dass der Arbeiter dem nicht mehr durch schnelleres arbeiten entsprechen kann, wird er sich vielleicht auf Kosten der Sicherheit ein Verfahren ausdenken, wie er noch schneller arbeiten kann. Das muss vermieden werden.

Das Modell von Hockey zeigt, was sich auch schon in der Studie von Searle, Bright & Bochner angedeutet hatte. Es findet eher eine Verschiebung der Anstrengung in einen (quantitativen) Bereich statt, anstatt dass die Leistung überall steigt. Bei Searle und Kollegen zeigte sich dies in dem größeren Mengen bearbeiteter Briefe, mit Einbußen in der Fehlerfreiheit. Die Leistungseinbußen durch Stress liegen also eher im unterschwelligen Bereich, während die Leistungssteigerung gut sichtbar das Volumen der Arbeit betrifft. Ist dies vielleicht schon ein Indiz für den Ursprung der Annahme, dass Druck immer gut für die Leistung sei?

Auch macht es einen Unterschied, ob es sich bei den Stressoren um „challenge stressors“ oder „hindrance stressors“ handelt. Die Wissenschaftler LePine, LePine und Jackson untersuchten im Rahmen einer Studie mit Studenten über den Zeitraum eines Semesters, ob und wie sich die unterschiedlichen Arten von Stressoren auf die Leistung auswirken. Sie nahmen an, dass sich größere „challenge stressors“ zwar in einer erhöhten Erschöpfung niederschlagen würden, jedoch auch positiv mit der Lernmotivation einhergingen, wohingegen sich „hindrance stressors“ auf beide Aspekte negativ auswirken würden. Und tatsächlich konnten sie für alle diese Annahmen signifikante Korrelationen in ihren Daten finden, man darf also annehmen, dass es für die Leistung, die im Modell von LePine,LePine und Jackson aus der Erschöpfung und der Lernmotivation hervorging, einen Unterschied macht, welcher Art Stressor eine Person ausgesetzt ist.



Die große Unklarheit

Betrachtet man also mal die bisherigen Forschungsergebnisse, sieht man, dass die Zusammenhänge zwischen Stress und Leistung nicht einfach sind und man sie sehr differenziert betrachten muss. Einerseits hängt es immer davon ab, ob man nach Veränderungen insgesamt oder bezogen auf die primären und sekundären Leistungen sucht, andererseits haben „hindrance“ und „challenge stressors“ einen unterschiedlich starken Einfluss auf die Leistung. Insgesamt lässt sich aber sagen, dass die Befunde zu dieser Thematik sehr gemischt sind, weil eben eine ganze Menge Drittvariablen hier eine Rolle spielen und man, wenn man den Effekt von Stress auf die primären und sekundären Leistungen mittelt, ungefähr bei null herauskommt. Drittvariablen wie Stimmung der Angestellten, generelle Leistungsmotivation, die Persönlichkeitsmerkmale der Mitarbeiter oder die Philosophie des Unternehmens können sowohl das Stressempfinden als auch die Leistung beeinflussen und diese in einem Experiment zu kontrollieren ist sehr schwierig.



Fazit

 

Sollte man also Unternehmen, deren primäres Anliegen es ist, die primären (quantitativen) Leistungen ihrer Mitarbeiter zu erhöhen dazu raten, den Druck für die Arbeitnehmer zu erhöhen? Hier ist Vorsicht geboten, denn ein anderer wichtiger Aspekt wird dabei nicht berücksichtigt. Denn Stress jedweder Art bedeutet immer ein gesundheitliches Risiko für die betroffenen Person, denn er führt immer zu Erschöpfung. Durch höheren Stress würde also auch die Zahl der Krankheitsfälle und der zu ersetzenden Arbeitsstunden erhöhen, womit sich das Unternehmen salopp formuliert, ins eigene Bein schießen würde.



Quellen