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Depressiv und trotzdem (hoch)funktional?

  • Sascha
  • vor 6 Stunden
  • 5 Min. Lesezeit

Du gehst durch deinen Alltag und bist all den Aufgaben und Herausforderungen gewachsen. Doch währenddessen bist du womöglich immer wieder konfrontiert mit Gefühlen der Leere, der Freudlosigkeit, der Traurigkeit. Das mit dem Schlafen funktioniert auch nicht so gut und tagsüber fällt es dir immer wieder schwer, dich zu konzentrieren. Aber nicht so sehr, dass du Aufgaben nicht mehr erledigst. Ein Zustand, den du womöglich als “funktionale Depression” bezeichnen könntest.


Was ist eine hoch-funktionale Depression?

Es handelt sich hierbei um keine offizielle Diagnose. Weder der ICD-10/11 noch das DSM-5 führen eine solche Klassifizierung auf. Andere Diagnosen aus dem Bereich der Depression (wie depressive Episode oder die anhaltende depressive Störung – Dysthymie genannt) weisen in den Diagnosekriterien u. a. eine eingeschränkte Funktionalität in einem oder mehreren Lebensbereichen auf: Ein Einbruch der Arbeitsleistung, sozialer Rückzug, mangelnde Selbstfürsorge wie Aufräumen oder regelmäßiges Waschen. Dies ist in den Fällen von hoch-funktionaler Depression (HFD) meist nicht der Fall. Die Autor*innen der Studie Understanding High-Functioning Depression in Adults sprechen hier davon, dass “depressive Symptome wie Erschöpfung, Freudlosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Schuldgefühle, Ruhelosigkeit, Schlafschwierigkeiten, Appetitveränderungen auftreten ohne jedoch fehlende Funktionalität oder Leidensdruck.

Hypothesen aus der Forschung betrachten hoch-funktionale Depressionen als einen Bewältigungsmechanismus, bei dem Funktionalität in Alltag, Job, Familienleben o. ä. eine Ablenkung von Symptomen wie Lustlosigkeit, Emotionslosigkeit etc. darstellen könnte. Von außen bekommt man das häufig nicht mit. “Lächelnde Depression” wird es dann auch gerne genannt. Doch hinter all der Funktionalität versteckt sich für das Individuum innere Leere, Erschöpfung, eine anhaltende Traurigkeit, Selbstzweifel, Schlafschwierigkeiten und Freudlosigkeit. Oft können Depressionen nur schwer erkannt werden.

"Unsere Leistungsgesellschaft belohnt Überfunktionieren. Wer immer verfügbar ist, wird bewundert - doch der Preis ist hoch."

Das Problem mit der “Hoch-funktionalität”

Hoch-funktional findet sich als Begriff auch häufig bei Alkoholismus oder Autismus. Es beschreibt also die Menschen mit einem psychiatrischen Störungsbild, die dennoch gut im Alltag funktionieren. Denn während die offiziellen Diagnosen mit einer Funktionseinschränkung in einem oder mehreren Lebensbereichen einhergeht, ist hoch-funktional genau das Gegenteil.

Dabei steht diese Funktionalität oft der richtigen Behandlung im Wege: Einerseits dadurch, dass ohne fehlende Funktionsbeeinträchtigung und Leidensdruck viele Diagnosen nicht greifen. Andererseits, weil sich betroffene Individuen selten in die Behandlung begeben. Gedanken wie “so schlecht geht es mir nicht” oder “ich funktioniere doch noch” tauchen auf und bestätigen das (Vor)urteil, dass psychische Erkrankungen immer mit einem ‘nicht mehr so gut funktionieren’ einhergehen.


Abgrenzung zu Burnout und Dysthymie

Burnout wird in den Klassifikationssystemen nicht als affektive Störung wie Depressionen behandelt, sondern als ‘mentale, physische und emotionale Erschöpfung durch anhaltenden Stress im Arbeitsumfeld’. Während der Burnout oft mit Fehlern auf der Arbeit und mit krankheitsbedingten Fehltagen der Erschöpfung wegen einhergeht, sind Betroffene einer hoch-funktionalen Depression zumeist noch in der Lage, ihre Funktion bei der Arbeit aufrechtzuerhalten und auch eine nach außen passend erscheinende Work-Life-Balance aufrechtzuerhalten. Dennoch kann es bei anhaltender Symptomatik einer hoch-funktionalen Depression zu Erschöpfungssymptomen kommen, da die Funktionalität bei zeitgleicher Lustlosigkeit, Freudlosigkeit, emotionaler Taubheit nur selten auf Dauer aufrechterhalten bleibt.

Die Dysthymie bzw. persistierende depressive Störung zählt auch zu den affektiven Störungen und ist kategorisiert als eine weniger schwere Symptomatik im Vergleich zur depressiven Episode, dafür jedoch länger anhaltend über Zeiträume von zwei Jahren und mehr. Hier steht ebenfalls die Depression im Vordergrund im Sinne von Antriebslosigkeit, Gefühlen der Trauer und gedrückter Stimmung. Dieses “depressiv sein” wird hier wahrgenommen und geäußert, während Menschen einer hoch-funktionalen Ausprägung dies nur selten wiedergeben, da die Bewältigungsstrategien des Funktionierens hiervon ablenken.


Erkennung und Therapie

Obwohl die Diagnose einer hoch-funktionalen bzw. funktionalen Depression nicht offiziell in den Klassifikationssystemen stattfindet, gibt es das Bewusstsein bei den psychosozialen Fachkräften bereits. Vom direkten Umfeld wird es häufig übersehen, da die klassisch angenommenen Symptome von Traurigkeit und gedrückter Stimmung ausbleiben. Mögliche Anzeichen für eine hoch-funktionale Depression können sein:


  • Gefühl tiefer innerer Erschöpfung

  • weniger Freude und Interesse an Dingen, die früher Spaß bereitet haben oder wichtig waren, bei dem gleichzeitigem Gefühl “weitermachen zu müssen”

  • Selbstkritische Haltung, hoher Anspruch an sich selbst und Versuche, über Leistung Anerkennung zu erhalten

  • übermäßiges Grübeln und Sorgen in Bezug auf die eigene Leistung, Wirkung auf andere Menschen oder Fehler (Perfektionismus)

  • Schwierigkeiten, zur Ruhe zu kommen. Das Gefühl, ständig “aktiv”, beschäftigt oder auf Abruf zu sein

  • Innere Anspannung, Reizbarkeit, wiederkehrend unerklärliche Wut/Ärger

  • körperliche Symptome wie Schlafstörungen, Muskelverspannungen, Kopfschmerzen, Magenbeschwerden


Auch bei dieser Form der Depression können Psychotherapie oder eine medikamentöse Behandlung durchgeführt werden. Ob dies notwendig ist oder nicht, ist in allen Fällen ärztlich/psychotherapeutisch abzuklären. Psychiaterin Judith Joseph betont, dass man sich auch Hilfe suchen darf und sollte, wenn man noch funktioniert. Vor allem bei dem Gefühl, dass man “nur noch” funktioniert und “das Gefühl hat, neben sich zu stehen”, während der Alltag vorüberzieht. Auch Strategien zur Selbsthilfe führt Joseph auf:

Anerkennen: Gefühle spüren, erkennen und anerkennen

Rauslassen: Gefühle rauslassen, bspw. in einem Tagebuch oder mit einer vertrauten Person

Werte: Überlege, was dir in deinem Leben wichtig ist – abseits von Leistung.

Vitalität: Achte auf den eigenen Körper und Bedürfnisse. Das kann bedeuten: abwechslungsreich essen, auf Bewegung achten, Pausen gönnen und ausreichend schlafen

Zukunftserfolge: Nimm dir Zeit, auch kleine Erfolge zu feiern und dir kleine Ziele für die Zukunft zu setzen. Das kann sein: Pünktlich zu einem Termin erscheinen, mit einem Freund einen Kaffee/Tee trinken gehen, einen Spaziergang planen.


Fazit

Auch wenn hoch-funktionale Depressionen keine offizielle Diagnose darstellen, sind sie im Erleben betroffener Menschen und in der Berufspraxis von  Therapeut*innen und Psychiater*innen real. “(Nur) noch funktionieren” ist für viele Betroffene ein zentrales Problem, während es an Freude, Energie und Motivation mangelt. In unserer Gesellschaft steht die Funktionalität (in Familie, Beruf, Sozialleben) oft im Vordergrund, weshalb sich Betroffene oft keine oder erst späte Hilfe suchen. Aber anstatt sich zu sagen, dass man “doch immerhin noch funktioniert”, darf man auch sagen: Ich muss nicht nur funktionieren, sondern ich darf auch ein Leben voller Freude und Spaß führen. Und wenn das langfristig nicht eintritt, darf man Hilfe suchen und annehmen.

 

Die im Text erwähnten Anzeichen ersetzen keine professionelle Diagnose. Solltest du dich darin wiedererkennen und Anlass zur Behandlung spüren oder Gesprächsbedarf haben, nimm ärztliche/therapeutische Hilfe in Anspruch oder übergangweise andere Hilfsangebote:


  • Bereitschaftsdienst – beim Patientenservice können Therapieplätze und kurzfristige Hilfsangebote vermittelt werden: 116117

  • Telefonseelsorge (kostenlos & anonym): 0800 1110111Muslimisches Seelsorge-Telefon: 030 443509821

  • Krisendienst (je nach Bundesland): krisenchat.de oder krisendienst-psychiatrie.de

  • Online-Übersicht Krisenanlaufstellen: psychenet.de

  • Nummer gegen Kummer: 116 111


Quellen

Deprexis. (2025). Hochfunktionale Depression: Das oft übersehene Leid. www.de.deprexis.com/blog/post/Hochfunktionale-Depression-Das-oft-uebersehene-Leid.html

deutschlandfunkkultur.de. (2022, September 8). Hochfunktionale Depression—Man funktioniert trotzdem weiter. Deutschlandfunk Kultur. www.deutschlandfunkkultur.de/hochfunktionale-depression-100.html

Joseph, J. F., Tural, U., Joseph, N. D., Mendoza, T. E., Patel, E., Reifer, R., & Deregnaucourt, M. (2025). Understanding High-Functioning Depression in Adults. Cureus. https://doi.org/10.7759/cureus.78891

Joseph, Judith (2025). High Functioning. Overcome Your Hidden Depression and Reclaim Your Joy. Hachette Book Group. EAN: 9780316577298

Łojko, D., & Rybakowski, J. (2017). Atypical depression: Current perspectives. Neuropsychiatric Disease and Treatment, Volume 13, 2447–2456. https://doi.org/10.2147/NDT.S147317

Maier, J. T. (2024). Who Is „High-Functioning“? Psychology Today. https://www.psychologytoday.com/us/blog/philosophy-and-therapy/202403/who-is-high-functioning

Mühlbauer, R. H., Dr Roland. (2025, September 19). Hochfunktionale Depression: Wenn Menschen funktionieren, aber innerlich leiden.Apotheken Umschau. https://www.apotheken-umschau.de/krankheiten-symptome/psychische-krankheiten/hochfunktionale-depression-symptome-ursachen-hilfe-fuer-betroffene-1397803.html

NanoMagazin. (2025). Hochfunktionale Depression: Perfektion bis zum Zusammenbruch. ZDF. https://www.3sat.de/wissen/nano/251015-sendung-hochfunktionale-depression-symptome-ursachen-behandlung-tipps-leistung-bis-zum-zusammenbruch-nano-100.html

Pae, C.-U., Tharwani, H., Marks, D. M., Masand, P. S., & Patkar, A. A. (2009). Atypical Depression: A Comprehensive Review. CNS Drugs, 23(12), 1023–1037. https://doi.org/10.2165/11310990-000000000-00000

Toczyska, A. (2024, November 1). High-Functioning Depression: The Hidden Suffering. MindDoc Magazine. https://minddoc.de/magazin/en/high-functioning-depression


Foto von Stocksnap (Pixabay) https://pixabay.com/photos/alone-hoodie-man-sad-thinking-2606656/


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