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Das Kind, das keine Sorgen macht

Nina
vor 21 Minuten
5 Min. Lesezeit

Beim Familienessen geht es wieder um deinen Sohn. Wie die Woche war, ob die Medikamente umgestellt wurden, was die Klinik gesagt hat. Dein anderes Kind sitzt daneben, hört zu und nickt. Irgendwann fragst du, wie es ihm geht. Es sagt: „Gut." Und dann geht das Gespräch weiter.

Das ist nicht böse gemeint. Es ist einfach so geworden.

Wenn ein Kind psychisch erkrankt, richtet sich die Aufmerksamkeit der Familie auf dieses Kind - und das muss auch so sein. Krisen haben Vorrang. Termine, Anrufe, Klinikaufenthalte, die ständige Wachsamkeit. Was dabei entsteht, ist kein Versäumnis, sondern eine Folge von Dringlichkeit.

Trotzdem gibt es da noch jemanden. Geschwister erleben dieselbe Erkrankung mit, oft aus nächster Nähe, und werden selten gefragt. In der Forschung tragen sie deshalb einen eigenen Namen: die vergessenen Angehörigen.



Was die Forschung über Geschwister weiß


Lange gab es fast keine Studien zu ihnen. Familienforschung zu psychischen Erkrankungen bedeutete praktisch immer: Forschung zu Eltern, manchmal zu Partnern. Das hat sich erst in den letzten Jahren geändert.

Eine große Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2023 hat 62 Studien mit insgesamt rund 3.700 Geschwistern zusammengefasst. Das Ergebnis ist eindeutig: Geschwister psychisch erkrankter Menschen berichten häufiger von depressiven Symptomen, Ängsten und Belastung, und ihr Wohlbefinden ist geringer als das der Allgemeinbevölkerung. Besonders schwierig sind zwei Phasen — der Beginn der Erkrankung und jeder Rückfall.

Die Autorinnen und Autoren benennen auch, was die Belastung verstärkt: zu wenig Information über die Erkrankung, wenig Kommunikation darüber in der Familie, und das Gefühl, etwas ausgleichen zu müssen.

Diese drei Punkte sind keine Anklage. Sie sind der nützlichste Teil des Befundes, weil sich an allen dreien etwas ändern lässt.


Warum das unauffällige Kind unauffällig bleibt


Viele Geschwister beschreiben rückblickend, dass sie irgendwann begonnen haben, möglichst wenig Aufwand zu machen. Gute Noten, keine Probleme, keine zusätzlichen Sorgen. Nicht, weil jemand das verlangt hätte, sondern weil die Rechnung für sie so einfach aufgeht: Zu Hause ist gerade wenig Kraft übrig. Also brauche ich nichts.

Was als Rücksicht beginnt, wird mit der Zeit zur Rolle. Und Rollen sind zäh. Wer jahrelang derjenige war, der funktioniert, dem fällt es auch als Erwachsener schwer zu sagen, dass es gerade nicht geht.

Für dich als Elternteil heißt das vor allem eines: Dass dieses Kind nichts sagt, ist kein verlässliches Zeichen. Es kann bedeuten, dass es ihm gut geht. Es kann auch bedeuten, dass es gelernt hat, dich nicht zusätzlich zu belasten.


Die Gefühle, über die niemand spricht


Geschwister erleben oft Wut. Auf die Eltern, deren Aufmerksamkeit woanders lag. Auf das erkrankte Geschwister, das nicht gesund wird. Manchmal auf sich selbst, weil sie nicht helfen konnten. Und direkt hinter der Wut kommt das schlechte Gewissen, weil die andere Person ja krank ist und nichts dafür kann.

Beides gleichzeitig zu fühlen ist kein Widerspruch. Es ist die normale Reaktion auf eine Situation, in der es keine richtige Haltung gibt.

Wenn dein Kind dir gegenüber einmal ärgerlich wird über den Bruder, über die Situation, über dich - dann ist das kein Rückschlag. Es ist meistens ein Zeichen von Vertrauen. Ärger zeigt man nur dort, wo man ihn sich leisten kann.

Und falls du beim Lesen gerade denkst, dass du beiden Kindern nicht gerecht geworden bist: Diese Rechnung geht bei niemandem auf. Eine Familie mit einer psychischen Erkrankung hat nicht genug Aufmerksamkeit für alle gleichzeitig. Das ist keine Frage von Bemühung, sondern von endlichen Kräften.


Was du beeinflussen kannst


Hier wird die Forschung konkret. Eine Untersuchung zu erwachsenen Geschwistern fand, dass die Beziehung zu den Eltern damit zusammenhängt, wie Geschwister später zur Versorgung stehen - ob sie sich dazu verpflichtet fühlen oder ob sie es aus eigener Entscheidung tun. Was zwischen dir und deinem anderen Kind besprochen wird, wirkt also weit über den Moment hinaus.


Drei Dinge, die in der Praxis am meisten tragen:


Information teilen. Geschwister erfahren Dinge oft über Umwege oder gar nicht. Anders als du sind sie für die Behandelnden kein automatischer Ansprechpartner. Erklär, was die Diagnose bedeutet, was die Behandlung soll, was realistisch ist. Fehlendes Wissen gehört zu den Faktoren, die die Belastung nachweislich erhöhen.


Nicht nur nach dem Kranken fragen. Ein Gespräch, in dem es einmal nicht um die Erkrankung geht, ist mehr wert, als es aussieht. Zeit zu zweit, ohne Thema.


Direkt fragen statt zu schließen. „Wie geht es dir damit?" ist eine andere Frage als „Alles okay?". Die zweite lädt zum Abwinken ein.


Das Gespräch über später


Es gibt eine Frage, die viele Geschwister im Hinterkopf haben, lange bevor sie akut wird: Was ist, wenn die Eltern das nicht mehr können?

Die Versorgung psychisch erkrankter Erwachsener liegt in vielen Familien bei den Eltern. Irgendwann wirst du älter, krank, oder du bist nicht mehr da. Dann rückt die nächste Generation nach - und das sind meist die Geschwister. Diese Erwartung besteht oft, ohne dass je darüber gesprochen wurde.

Genau darin liegt das Problem. Eine unausgesprochene Erwartung lässt sich nicht verhandeln, nur erfüllen oder enttäuschen.

Das Gespräch führt sich leichter, wenn es nicht in einer Krise stattfindet. Mögliche Fragen: Was würde Verantwortung übernehmen konkret bedeuten? Was ist neben Beruf und eigener Familie realistisch? Welche Dinge könntest du jetzt schon regeln - rechtlich, finanziell, organisatorisch, damit später nicht alles ungeplant auf einer Person landet?

Es ist eines der unangenehmsten Gespräche, die eine Familie führen kann. Es ist auch eines der entlastendsten.


Fazit


Dein anderes Kind steht der Erkrankung näher, als es von außen aussieht. Es trägt sie meist über Jahrzehnte mit, und es ist am Ende oft dasjenige, das übernimmt.

Du musst dafür nicht noch eine weitere Aufgabe schultern. Es reicht, dieses Kind wieder als jemanden zu sehen, der selbst betroffen ist - und nicht nur als denjenigen, der funktioniert. Eine Frage, die ernst gemeint ist, verändert mehr als eine zusätzliche Anstrengung.


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Bildquelle: Pixabay, https://pixabay.com/de/photos/kind-portr%C3%A4t-schwarz-und-wei%C3%9F-7151505/


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