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Chronischer Stress: Wenn Anspannung zum Dauerzustand wird

  • Steffi
  • 28. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Warum unser Nervensystem keine Pause mehr findet – und was wirklich hilft


Stress gehört zum Alltag. Er hilft uns, aufmerksam zu bleiben, Herausforderungen zu meistern und kurzfristig über uns hinauszuwachsen. Problematisch wird Stress jedoch dann, wenn er nicht mehr abklingt. Wenn Anspannung nicht die Ausnahme bleibt, sondern zum Grundzustand wird, spricht die Psychologie von chronischem Stress. Chronischer Stress ist kein einzelnes Ereignis und kein plötzlicher Zusammenbruch. Er entwickelt sich schleichend – oft unbemerkt – und wird deshalb lange unterschätzt.


Was chronischer Stress psychologisch bedeutet

In der Stressforschung wird Stress nicht allein durch äußere Belastungen definiert, sondern durch deren subjektive Bewertung. Nach dem transaktionalen Stressmodell von Lazarus und Folkman entsteht Stress dann, wenn Menschen Anforderungen als größer erleben als ihre verfügbaren Ressourcen.

Chronischer Stress entwickelt sich, wenn diese Situation über längere Zeit bestehen bleibt. Belastungen hören nicht auf, Pausen fehlen, Erholung bleibt oberflächlich. Das Nervensystem bekommt kein klares Signal mehr, dass die Gefahr vorbei ist. Statt zwischen Anspannung und Entspannung zu wechseln, bleibt es dauerhaft aktiviert.


Was im Körper passiert, wenn Stress chronisch wird

Auf biologischer Ebene ist chronischer Stress eng mit der sogenannten HPA-Achse verbunden – dem zentralen Stressreaktionssystem des Körpers. Bei Belastung wird Cortisol ausgeschüttet, ein Hormon, das kurzfristig Energie mobilisiert und leistungsfähig macht.


Der Neuroendokrinologe Bruce McEwen zeigte jedoch, dass eine dauerhafte Aktivierung dieses Systems langfristig schädlich ist. Er prägte dafür den Begriff der Allostatic Load – die „Abnutzungskosten“ chronischer Anpassung. Studien belegen, dass anhaltender Stress mit Schlafstörungen, einer erhöhten Entzündungsneigung, Beeinträchtigungen des Immunsystems sowie Veränderungen in Gedächtnis- und Emotionsverarbeitung einhergeht (McEwen, 1998; 2007). Chronischer Stress ist damit kein rein psychisches Phänomen, sondern ein systemischer Zustand, der Körper und Psyche gleichermaßen betrifft.


Wie sich chronischer Stress im Erleben zeigt

Psychisch äußert sich chronischer Stress häufig nicht dramatisch, sondern diffus. Betroffene berichten von ständiger innerer Unruhe, Reizbarkeit oder emotionaler Erschöpfung. Gedanken kreisen, Konzentration fällt schwer, selbst kleine Anforderungen fühlen sich überfordernd an. Neurowissenschaftliche Forschung zeigt, dass chronischer Stress besonders den präfrontalen Kortex beeinträchtigt – jenen Hirnbereich, der für Planung, Selbstregulation und flexible Problemlösung zuständig ist. Unter Dauerstress werden Entscheidungen impulsiver, Emotionen schwerer regulierbar und der Blick verengt sich auf mögliche Bedrohungen.

Das erklärt, warum Menschen unter chronischem Stress oft das Gefühl haben, „nicht mehr richtig zu funktionieren“, obwohl sie objektiv weiterhin viel leisten.


Warum sich chronischer Stress selbst verstärkt

Ein zentrales Merkmal chronischen Stresses ist seine Eigendynamik. Anhaltende Belastung reduziert die Fähigkeit zur Erholung. Weniger Erholung wiederum senkt die verfügbaren Ressourcen, wodurch neue Anforderungen schneller als stressend erlebt werden. So entsteht ein Kreislauf aus Anspannung, Erschöpfung und erhöhter Stresssensitivität. Zusätzlich verändert Stress die kognitive Verarbeitung. Forschung zur autonomen Regulation zeigt, dass unter chronischer Belastung die Fähigkeit sinkt, flexibel zwischen Aktivierung und Entspannung zu wechseln. Das Nervensystem bleibt im Alarmmodus – selbst dann, wenn objektiv keine akute Gefahr besteht.Was nachweislich hilft – jenseits von Durchhalten Chronischer Stress lässt sich nicht durch reine Willenskraft auflösen. Wirksam sind vor allem Interventionen, die sowohl das Nervensystem als auch die kognitive Bewertung entlasten.


Zentral ist zunächst die Wiederherstellung echter Erholungsphasen. Forschung zeigt, dass nicht die Länge, sondern die Qualität von Pausen entscheidend ist. Ebenso wichtig ist das Erleben von Kontrolle: Menschen, die Handlungsspielräume wahrnehmen, zeigen deutlich geringere Stressreaktionen.

Auch Selbstmitgefühl spielt eine entscheidende Rolle. Studien. belegen, dass ein wohlwollender Umgang mit sich selbst mit geringeren Stresswerten und besserer Emotionsregulation einhergeht. Selbstkritik hingegen verstärkt Stressreaktionen. Nicht zuletzt zeigt Forschung zur digitalen Arbeitswelt, dass dauerhafte Unterbrechung und Reizüberflutung – etwa durch Multitasking oder ständige Erreichbarkeit – Stress deutlich erhöhen. Bewusste Begrenzung ist daher kein Luxus, sondern eine psychologisch wirksame Maßnahme.


Chronischer Stress ist kein persönliches Versagen

Wichtig ist: Chronischer Stress ist kein Zeichen mangelnder Resilienz oder falscher Einstellung. Er entsteht, wenn ein Nervensystem über längere Zeit zu viel leisten muss, ohne ausreichend regulieren zu können.

Psychologisch sinnvoll ist deshalb nicht weiteres Durchhalten, sondern frühes Wahrnehmen, Regulieren und Begrenzen. Je früher Stress als Zustand erkannt wird, desto besser lässt sich gegensteuern.


Fazit

Chronischer Stress ist weit verbreitet – und oft unsichtbar. Er entsteht nicht plötzlich, sondern entwickelt sich schrittweise. Wer ihn ernst nimmt, kann handeln, bevor Erschöpfung, emotionale Distanz oder schwerere gesundheitliche Folgen auftreten. Nicht jede Belastung führt zu Burn-out. Aber jede dauerhafte Belastung verdient Aufmerksamkeit.



Quellen:

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McEwen, B. S. (1998). Protective and damaging effects of stress mediators. New

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McEwen, B. S. (2007). Physiology and neurobiology of stress and adaptation: Central

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Thayer, J. F., Åhs, F., Fredrikson, M., Sollers, J. J., & Wager, T. D. (2012). A meta-analysis

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regulation. Neuroscience & Biobehavioral Reviews, 36(2), 747–

756. https://doi.org/10.1016/j.neubiorev.2011.11.009 Foto von Nataliya Vaitkevich: https://www.pexels.com/de-de/foto/ausbrennen-mude-arbeitnehmer-arbeiter-6837645/


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