Stigmatisierung im eigenen Umfeld – wie Vorurteile entstehen und was uns dann helfen kann
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Bens Sohn hat eine ADHS-Diagnose. Bis jetzt hat er niemandem davon erzählt, denn im Internet stößt er immer wieder auf Kommentare, die ihn verunsichern. Der Tenor ist klar: ADHS sei eine reine Modediagnose – wären diese Kinder „richtig“ erzogen, gäbe es diese Probleme gar nicht. Solche Aussagen bleiben hängen. Sie lassen Zweifel aufkommen – nicht an der Diagnose, aber daran, wie andere darüber denken. Was, wenn sein Umfeld genauso urteilt? Wenn hinter seinem Rücken geredet wird oder man ihm plötzlich anders begegnet? Der Gedanke lässt ihn nicht los. Seine Arbeitskollegin Anna erlebt etwas ganz Ähnliches. Ihr Vater ist wegen Depressionen in Behandlung und momentan krankgeschrieben. Sie erzählt auf der Arbeit davon und die Reaktion kommt schnell: „Na, ist ja kein Wunder, so oft wie du ihn allein lässt“. Anna weiß gar nicht, was sie dazu sagen soll, hat sich ihr Vater doch zunehmend von ihr zurückgezogen und nicht auf Nachrichten geantwortet. Ben hält sich raus, denn er hat Angst, dass die Kollegen auch ihn anders behandeln könnten. Und obwohl sie damit nicht allein sind, fühlt es sich genauso an.
Wenn Stigma sich ausweitet
Psychische Erkrankungen sind noch immer mit Vorurteilen behaftet. Und die Reaktionen anderer richten sich nicht nur gegen die erkrankte Person, sondern auch gegen ihre Angehörigen. In der Forschung spricht man hier vom sogenannten „courtesy stigma“ (auf Deutsch etwa: „Stigma der Zugehörigkeit“).
Gemeint ist, dass Abwertung oder Distanz nicht nur gegen die erkrankte Person richten, sondern gegen ihre Angehörigen oder ihr soziales Umfeld – etwa, indem man ihnen die Schuld an der Situation gibt. Diese Annahme wird der Realität psychischer Erkrankungen jedoch nicht gerecht: Sie entstehen durch ein komplexes Zusammenspiel aus biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren. Du trägst nicht die Verantwortung für die Situation; du bist viel eher genauso betroffen davon. Aber warum reagieren andere Menschen überhaupt so abwertend?
Warum Vorurteile entstehen
Um Vorurteile zu verstehen, hilft ein Blick in die Sozialpsychologie. Menschen sind darauf angewiesen, ihre Umwelt schnell einzuordnen. Dafür greifen wir häufig auf einfache Denkmuster zurück – als eine Art mentale Abkürzung. Solche Vereinfachungen können sich zum Beispiel in Form von Stereotypen zeigen – also Annahmen über soziale Gruppen. Sie erleichtern die Informationsverarbeitung und helfen dabei, Erwartungen zu bilden. Dabei sind Stereotype zunächst nicht zwangsläufig negativ: Man kann wissen, dass bestimmten Gruppen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden, ohne diese selbst zu teilen.
Wenn wir diese Annahmen übernehmen und bewerten, entstehen Vorurteile. Sie gehen mit einer negativen Haltung gegenüber einer Gruppe einher, etwa wenn Menschen mit psychischen Erkrankungen pauschal als „gefährlich“ oder „faul“ eingeschätzt werden. Auf dieser Grundlage kann es im nächsten Schritt zu Diskriminierung kommen, also zu konkretem Verhalten, bei dem Betroffene und ihr Umfeld gemieden, benachteiligt oder abgewertet werden.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Art und Weise, wie Menschen versuchen, Ereignisse zu erklären. In der Psychologie spricht man von Attribution. Wir suchen nach Gründen, um zu verstehen, warum etwas passiert und orientieren uns dafür an schnellen und scheinbar naheliegenden Schlussfolgerungen. Diese Erklärungen müssen nicht zwingend richtig sein, solange sie für uns plausibel erscheinen.
Gerade bei fehlendem Wissen über psychische Erkrankungen wird häufig auf solche vereinfachten Erklärungen zurückgegriffen. So kann es passieren, dass die Ursachen vorschnell in der Erziehung, im Umfeld oder bei der betroffenen Person selbst gesucht werden.
Diese Denkweise kann sogar der eigenen Abgrenzung dienen: Wenn ich Gründe dafür finde, warum jemand „diese Probleme“ hat, kann ich mir selbst versichern, dass mir sowas nicht passieren könnte. Solche Gedanken haben dann also eine Funktion: Sie schaffen Abstand. Wenn ich glaube, dass psychische Erkrankungen „selbst verschuldet“ sind oder nur „bestimmte Menschen“ betreffen, fühle ich mich selbst sicherer.
Wie du mit Stigmatisierung umgehen kannst
Im Alltag mit Vorurteilen umzugehen, ist nicht leicht. Viele Angehörige fühlen sich unsicher oder unter Druck, „richtig“ reagieren zu müssen. Dabei gibt es nicht den einen richtigen Weg, aber Möglichkeiten, die dir helfen können, dich sicherer zu fühlen.
Ein wichtiger Schritt kann sein, dir im Vorfeld zu überlegen, wie offen du mit dem Thema umgehen möchtest. Nicht jeder Mensch muss alles wissen. Vielleicht gibt es Personen, denen du sehr viel anvertrauen möchtest – und andere, bei denen du bewusst nur einen Teil erzählst oder das Thema ganz ausklammerst. Sich darüber einmal in Ruhe Gedanken zu machen, kann helfen, in Gesprächen weniger unter Druck zu geraten. Das bedeutet nicht, dass du die Situation verheimlichen musst. Es bedeutet nur, dass du selbst entscheiden darfst, wen du einbeziehst und wen nicht.
Wissen über die Erkrankung kann hier eine große Unterstützung sein, weil es dir mehr Klarheit und Sicherheit gibt. Wenn du für dich ein grundlegendes Verständnis der Erkrankung entwickelst, fällt es oft leichter, Aussagen von anderen einzuordnen und dich innerlich abzugrenzen. Dabei geht es nicht darum, jede Diskussion zu führen oder andere überzeugen zu müssen, sondern darum, selbst klarer zu werden. Je mehr Wissen du über die Erkrankung hast, desto sicherer fühlst du dich. Und je klarer du selbst bist, desto weniger Macht haben die Meinungen anderer.
Und schließlich: Du musst das nicht allein tragen. Vielen hilft es, sich mit einer Person auszutauschen, die zuhört und versteht – sei es im Freundeskreis oder mit anderen Betroffenen. Manchmal reicht schon eine einzige Person, bei der du offen sein kannst, um dich deutlich weniger allein zu fühlen. Einige berichten auch, dass ihnen der Austausch zu anderen Betroffenen sehr geholfen hat, beispielsweise in Selbsthilfegruppen oder Treffen. Ein soziales Netz, das diese Probleme nicht nur kennt, sondern auch versteht, kann extrem entlastend sein.
Nicht jedes Schweigen bedeutet Distanz
Viele Angehörige berichten, dass sich ihr Umfeld nach der Diagnose bei ihrem Angehörigen stark zurückgezogen hat. Das ist besonders hart, weil man in solchen Momenten so sehr auf andere angewiesen ist. Wenn uns das in einer Beziehung passiert, die uns sehr wichtig ist, ist das besonders schlimm. Wir fühlen uns enttäuscht, vielleicht auch verraten – denn jetzt, wo wir Hilfe brauchen, ist plötzlich niemand da. Es mag sich zunächst befremdlich anhören, doch manchmal sind auch unsere Freunde mit der Situation überfordert und wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen oder was sie sagen sollen. Wenn sehr wichtige Beziehungen drohen wegzubrechen, kann es daher helfen, der Person noch eine Chance zu geben und das Gespräch zu suchen. Eine Garantie gibt es zwar nicht, doch wichtige Beziehungen sind das Risiko vielleicht wert.
Was, wenn wir schon selbst an uns zweifeln?
Neben dem Umgang mit anderen spielt auch dein eigener Blick auf die Situation eine große Rolle. Die Aussagen anderer können verunsichern, verletzen oder sogar Zweifel auslösen. Häufig wird das als „Selbststigmatisierung“ bezeichnet – gemeint ist, dass gesellschaftliche Vorurteile so stark wirken, dass sie sich im eigenen Denken widerspiegeln – etwa in Form von Schuldgefühlen oder Selbstzweifeln. Wir fragen uns, ob wir etwas falsch gemacht haben oder ob wir das hätten verhindern können. Obwohl wir wissen, dass psychische Erkrankungen nicht selbst verursacht sind, fällt es oft schwer, sich innerlich davon abzugrenzen. Hier kann es helfen, kurz innezuhalten: Würdest du mit einer guten Freundin in der gleichen Situation genauso sprechen? Schließlich wissen wir, dass sich diese Schuldfrage objektiv gar nicht stellt. Nur sind wir mit uns selbst oft deutlich strenger als mit anderen.
Fazit & Ausblick
Stigmatisierung im Umfeld ist belastend und kann sich auch sehr isolierend anfühlen. Vorurteile entstehen oft aus fehlendem Wissen und dem Bedürfnis nach Abgrenzung. Das erklärt vieles, aber du musst nicht alles auffangen. Du darfst Grenzen setzen, Unterstützung suchen und Schritt für Schritt mehr Sicherheit im Umgang mit der Situation entwickeln. Dazu gehört auch, dass du nicht jedem alles erzählen musst – du darfst ruhig wählerisch sein.
Wissen über die Erkrankung kann hier eine große Unterstützung bieten, damit du selbst mehr Klarheit hast. Nicht jede Reaktion von außen lässt sich verändern. Aber du kannst beeinflussen, wie du damit umgehst.
Und vielleicht das Wichtigste: Du bist nicht schuld an dieser Situation. Und du bist auch nicht allein mit diesen Erfahrungen. Es kann helfen, sich anderen anzuvertrauen – manche Personen sind offener als man zunächst vermutet.
Ben hat jedenfalls beschlossen, mit Anna zu sprechen. Die Angst, dass seine Kollegen schlecht über ihn reden könnten, ist zwar noch da, aber er hat gemerkt, dass es gut tut, damit nicht allein zu sein. Und zu seiner Überraschung erzählt Anna ihm auch von Kollegen, die nach dem Streit auf sie zugekommen sind und Verständnis gezeigt haben. Sie wissen, dass das nicht ihre Schuld ist. Nicht jeder reagiert ablehnend – manchmal gibt es mehr Unterstützung, als man zuerst erwartet.
Quellen
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