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"Ich habe Sorge, dass es wieder passiert" – Rückfälle und Krisen mit affektiven Störungen

  • vor 2 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Ein erkrankter Dir nahestehender Mensch hat es geschafft, sich wieder einen stabilen Alltag aufzubauen. Dinge fühlen sich wieder sicherer an. Vielleicht sogar ein bisschen leichter.

Trotzdem bleibt oft die Frage: „Was, wenn es wieder passiert?“ Die Angst, erneut in eine depressive oder manische Episode zu rutschen, begleitet nicht nur Menschen mit affektiven Störungen, sondern auch deren Angehörige. Vielleicht kennst du sie selbst oder erlebst sie bei einer nahestehenden Person. Diese Angst ist leider nicht unbegründet.



Diese Angst hängt eng mit dem Verlauf affektiver Störungen zusammen. Affektive Störungen sind psychische Erkrankungen, bei denen sich Stimmung und Energie deutlich verändern können. Bei einer unipolaren Depression treten ausschließlich depressive Phasen auf, in denen Symptome wie Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit oder Interessenverlust den Alltag erschweren. Bei einer bipolaren Störung wechseln sich depressive Episoden mit manischen oder hypomanischen Phasen ab, in denen Betreffene ungewöhnlich energiegeladen, aktiv oder reizbar sein können. Zwischen diesen Episoden gibt es oft stabilere Phasen, in denen sich Stimmung und Energie normalisieren. Wichtig zu verstehen ist, dass Rückfälle ein Teil des Verlaufs sind und nicht mit persönlichem Scheitern gleichzusetzen sind.


Angst als Teufelskreis

Die Angst vor einem Rückfall oder einer erneuten Krise ist demnach berechtigt und du bist damit nicht allein. Dabei kann diese Angst selbst zu einem Stressor werden und noch mehr Unsicherheit auslösen. Die Fähigkeit des Gehirns, aus vorherigen Krisen zu lernen, kann wichtige Informationen bieten, allerdings auch zu übermäßiger Kontrolle führen. Durch das zu starke Ausrichten der Aufmerksamkeit auf die kleinsten emotionalen Änderungen kann es passieren, dass zu viel Bedeutung in diese Änderungen zugeschrieben wird und man eine erneute Episode fürchtet, was wiederum mehr Stress auslöst. Für Außenstehende kann diese ständige Anspannung schwer nachvollziehbar sein. Umso wichtiger ist es, zu verstehen, dass es sich nicht um Übertreibung, sondern um reale Belastungen handelt.


Woran erkennt man jetzt, dass es wieder zu einer Krise kommt?

Die Unterscheidung zwischen einer Krise und einer Stimmung kann zu einer Herausforderung werden. Genau hier können Frühwarnzeichen eine wichtige Orientierung geben. Vor einer Episode können sich oft bestimmte Anzeichen zeigen. Sie helfen, einen Rückfall frühzeitig zu erkennen. Frühwarnzeichen sind zwar individuell, allerdings können sich auch einige ähnliche Muster erkennen, auf die es sich zu hören lohnt. Auch für Angehörige kann es hilfreich sein, diese Muster zu verstehen, um Veränderungen frühzeitig wahrzunehmen und unterstützend reagieren zu können.


Vor einer depressiven Episode zeigen sich folgende Merkmale:


  • eine vermehrte und stärkere Niedergeschlagenheit und auch Reizbarkeit

  • der soziale Kontakt nimmt stark ab, Personen ziehen sich stark zurück

  • Aktivitäten lassen stark nach und Personen werden antriebsloser

  • negative Gedanken und Sorgen nehmen wiederum zu

  • körperliche Symptome wie Schlafstörungen und starke Müdigkeit nehmen zu, auch vor einer manischen Episode, gerade bei der bipolaren Störung, lassen sich

  • gewisse Merkmale wiedererkennen:

  • der Schlafbedarf nimmt stark ab. Auch mit wenig Schlaf fühlt man sich

  • ausgeruht.

  • mehr Energie als sonst

  • eine gesteigerte Aktivität

  • riskantes Verhalten nimmt zu

  • die Reizbarkeit nimmt zu


Wie erwähnt bieten die genannten Zeichen Informationen und stellen noch keine Gefahr dar. Sie helfen dir, den Stand zu erkennen und welche Schritte einzuleiten sind, damit es sich nicht verstärkt. Eigene Muster von früheren Krisen können zusätzlich Informationen liefern, um die nächsten Schritte einzugehen.


Sicherheit durch Vorbereitung

Die Angst vor einem Rückfall lässt sich nicht einfach abschalten. Was jedoch helfen kann, ist Vorbereitung. Nicht erst dann zu reagieren, wenn es wieder schlechter wird, sondern vorher zu wissen, was zu tun ist.


Kontaktperson festlegen

Ob bereits schon Merkmale wahrzunehmen sind oder nicht, es empfiehlt sich, eine feste Ansprechperson zu haben. Als Angehörige Person kannst du hier eine wichtige Rolle einnehmen, indem du Erreichbarkeit und Unterstützung bietest, gerade wenn man merkt, dass die betroffene Person sich zu stark zurückzieht. Auch kann es sinnvoll sein, gemeinsam zu überlegen, welche weiteren einbezogen werden können, um frühzeitig Unterstützung zu ermöglichen. Beispielsweise weitere Familienmitglieder, Freunde oder therapeutische Fachpersonen.


Selbstbeobachtung und Monitoring

Die eigene Stimmung im Blick zu behalten, kann helfen, Veränderungen früh wahrzunehmen. Ein Tagebuch, egal ob digital oder handschriftlich, kann dabei unterstützen. Auch als Außenstehender ist es hilfreich, aus einer nicht wertenden Perspektive auf die Stimmung der betroffenen Person zu achten.


Früh reagieren

Wenn einige der genannten Zeichen auftreten, sollte man schon frühzeitig einen Termin beim Psychologen vereinbaren. Diese können einem dann weiterhelfen und einen starken Rückfall mildern.


Alltag stabilisieren

Routinen geben nicht nur Hinweise auf mögliche Frühwarnzeichen, sondern helfen auch, wieder Stabilität zu gewinnen. Dazu gehören zum Beispiel regelmäßige Schlafenszeiten, kleine feste Aktivitäten im Alltag oder bewusste Entlastung bei Stress. Gib der betroffenen Person kleine leicht zu bewältigende Aufgaben.


Medikationscheck

Die Medikationen beim Arzt prüfen zu lassen, ist ebenso eine Möglichkeit, um sich vorzubereiten und auf der sicheren Seite zu sein. Achtung: Führt keine eigenen Anpassungen durch und sprecht das vorher ab!


Strategien aufbauen

Ein weiterer hilfreicher Schritt könnte sein, sich einen persönlichen Plan für schwierige Phasen zu überlegen. Was hat dir in früheren Krisen geholfen? Welche Anzeichen waren bei dir besonders früh sichtbar? Und was könnte dir in solchen Momenten konkret helfen? Betroffene lernen aus vergangenen Krisen, welche Schritte ihnen helfen, wenn es wieder schwierig wird. Als nahestehende Person kannst auch du dieses Prinzip nutzen: Überlege, was in früheren Situationen hilfreich war, welche Handlungen dich unterstützt haben und wie du in Zukunft helfen könntest.


Fazit und Ausblick

Die Sorge, wieder in eine Krise zu geraten, ist für viele Menschen mit affektiven Störungen und deren Umfeld ein ständiger Begleiter. Gerade dann, wenn es eigentlich wieder stabiler wird, kann diese Angst besonders präsent sein. Sie hat ihren Ursprung nicht ohne Grund. Affektive Störungen verlaufen häufig in Phasen, und Rückfälle können Teil dieses Verlaufs sein. Gleichzeitig bedeutet das nicht, dassman ihnen hilflos ausgeliefert ist oder nur zusehen kann. Frühwarnzeichen können dabei helfen, Veränderungen rechtzeitig wahrzunehmen. Wissen über die Erkrankung und der Blick auf persönliche Muster schaffen Orientierung. Vorbereitung, frühes Reagieren, feste Ansprechpersonen, kleine Routinen im Alltag und individuelle Strategien können dabei unterstützen, in schwierigen Momenten handlungsfähig zu bleiben. Wichtig zu verstehen ist, dass es nicht darum geht, jede Krise verhindern zu können. Sondern darum, besser vorbereitet zu sein und sanfte Unterstützung zu liefern, wenn es schwer wird. Rückfälle stellen dabei kein Scheitern dar, sondern sind Teil der Erkrankung. Und gleichzeitig gibt es Möglichkeiten, den eigenen Umgang damit aktiv mitzugestalten. Schritt für Schritt kann so aus Unsicherheit mehr Struktur entstehen und aus Struktur ein Gefühl von Sicherheit.


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