Schluss mit den Mythen – Typische Irrtürmer über psychische Erkrankungen
- Diana
- 8. Okt.
- 4 Min. Lesezeit

Vielleicht hast du es selbst schon mal erlebt, dass jemand sagte: „Ach, das ist doch nicht so schlimm“ oder „Da muss man sich eben mal zusammenreißen“. Solche Sätze sind leider immer noch weit verbreitet – und sie zeigen, wie wenig wir oft über psychische Erkrankungen wissen. Dabei sind psychische Erkrankungen heutzutage kein Tabuthema mehr. Denn immer mehr Menschen sind im Laufe ihres Lebens davon betroffen. Und trotzdem: stoßen körperliche Erkrankungen und Belastungen in unserer Gesellschaft eher auf Verständnis, wo hingegen psychische Leiden noch immer mit vielen Vorurteilen, Halbwahrheiten und Missverständnissen zu kämpfen haben. Für Betroffene und Angehörige bedeutet das zusätzliche Belastung, die den ohnehin schon schwierigen Alltag oft noch schwerer machen.
Psychische Probleme sind die Ausnahme
Dabei handelt es sich um ein weit verbreitetes Missverständnis, welches in der Realität ganz anders aussieht. Viele Menschen glauben immer noch, dass psychische Erkrankungen nur wenige betreffen – so etwas, dass vielleicht mal „den anderen“ passiert. Doch dieser Eindruck täuscht gewaltig. Laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erlebt jede vierte Person im Laufe ihres Lebens eine psychische oder neurologische Erkrankung. Das heißt: Fast jede:r von uns ist entweder direkt oder indirekt – etwa durch Freunde oder Familie – betroffen. Psychische Erkrankungen sind also keineswegs selten. Ganz im Gegenteil: Sie gehören zur Lebensrealität vieler Menschen, genauso wie körperliche Erkrankungen.
Man muss sich doch nur zusammenreißen
Noch immer halten sich Vorurteile, dass psychische Probleme ein Zeichen von Schwäche oder mangelnder Willenskraft seien. Wer Depressionen, Angststörungen oder Zwangsgedanken erlebt, hört dann schnell: „Reiß dich doch einfach zusammen!“ – als könnte man seelisches Leid so einfach beiseiteschieben. Die Realität ist jedoch eine ganz andere: Psychische Erkrankungen sind komplexe Störungsbilder, die durch ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren entstehen – etwa genetische Einflüsse, biochemische Prozesse im Gehirn und belastende soziale Umstände. Niemand würde auf die Idee kommen, einem Menschen mit einem gebrochenen Bein oder Herzproblemen fehlende Willenskraft vorzuwerfen. Warum also bei psychischen Schwierigkeiten? Tatsächlich erfordert es großen Mut und Stärke, sich als Betroffener Unterstützung zu suchen und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Psychotherapie ist nur etwas für “Verrückte”!
Es ist völlig selbstverständlich, bei jeglichen körperlichen Beschwerden sofort seinen Hausarzt aufzusuchen. Warum sollte es dann bei psychischen Belastungen anders sein? Psychotherapie oder psychologische Beratung sind nichts anderes als eine Maßnahme, um sich um die eigene mentale Gesundheit zu kümmern – die genauso wichtig ist wie die körperliche. Denn Körper und Psyche stehen in einem ständigen Wechselspiel miteinander: Probleme in einem Bereich wirken sich oft auf den anderen aus. Anhaltender Stress kann zum Beispiel zu Magenproblemen führen und die körperlichen Beschwerden verstärken dann wiederum das Stresserleben. Somit kann jede:r von psychologischer Unterstützung profitieren – nicht nur Menschen mit der Diagnose einer psychischen Störung. Auch bei Stress, alltäglichen Herausforderungen oder emotionalen Schwierigkeiten kann es enorm entlastend und hilfreich sein, sich frühzeitig Unterstützung zu holen.
Einmal psychisch krank, für immer psychisch krank
Viele Menschen glauben, dass eine psychische Erkrankung ein lebenslanges „Urteil“ ist – wer einmal betroffen war, sei für immer krank. Die Forschung und die Erfahrung zahlreicher zeigen jedoch ein anderes Bild. Psychische Erkrankungen sind vielfältig und verlaufen sehr unterschiedlich. Manche Menschen erleben nach einer passenden Therapie eine vollständige Genesung. Andere schaffen es, ihre Symptome so weit zu reduzieren oder Strategien im Umgang zu entwickeln, dass ihre Lebensqualität deutlich steigt.
Wichtig ist auch, psychische Gesundheit nicht in einem Schwarz-Weiß-Denken zu betrachten. Es gibt nicht nur die Kategorien „gesund“ oder „krank“. Vielmehr bewegen wir uns alle auf einem Kontinuum: mal stabiler, mal verletzlicher – so wie auch unsere körperliche Gesundheit Schwankungen unterliegt. Entscheidend ist, dass Hilfe möglich ist und dass es Wege gibt, ein erfülltes Leben zu führen – trotz oder auch nach einer psychischen Erkrankung.
"Man kann als Angehöriger eh nichts tun"
Es ist ein Irrtum zu glauben, Angehörige könnten keinen Unterschied machen. Freund:innen und Familienmitglieder spielen oft eine entscheidende Rolle – sowohl durch Unterstützung, Verständnis und Ermutigung, professionelle Hilfe anzunehmen, als auch durch Begleitung im Alltag.
Hier ein paar Wege, wie Angehörige aktiv helfen können:
• Informieren und Wissen teilen: Eigne dir Wissen über psychische Gesundheit an und gib es weiter – besonders dann, wenn dir falsche Informationen begegnen.
• Respektvoller Umgang: Begegne Menschen mit psychischen Erkrankungen mit Wertschätzung, Fairness und Offenheit – sei es im Alltag, im Beruf oder in der Schule.
• Mitfühlen und zuhören: Sei empathisch und unterstützend – oft hilft es bereits, aufmerksam zuzuhören und ein offenes Ohr für das Gegenüber zu haben.
• Offene Kommunikation: Sprich in Familie, Freundeskreis oder am Arbeitsplatz offen über psychische Gesundheit. So trägst du dazu bei, das Thema zu normalisieren und Vorurteile abzubauen.
• Praktische Hilfe im Alltag: Manchmal sind es die kleinen Dinge, die einen großen Unterschied machen. Du kannst helfen, indem du Termine begleitest, beim Organisieren des Alltags unterstützt oder Routinen stabil hältst. Solche Hilfen entlasten und geben mehr Sicherheit.
• Unterstützung im Behandlungsprozess: Sich einzugestehen, dass man Hilfe braucht, erfordert viel Mut. Als nahestehende Person kannst du dazu ermutigen, den Schritt in Richtung Therapie oder Beratung zu gehen und währenddessen begleitend zur Seite stehen. Zeige Interesse am Behandlungsweg und trage dazu bei, dass eine vertrauensvolle und unterstützende Atmosphäre entsteht.
• Unterstützung bei Krisen: Es ist wichtig, zu erkennen, wann professionelle Hilfe nötig ist. Informiere dich über Notfallkontakte und lokale Hilfsangebote. So kannst du im Ernstfall schnell handeln.
• Ermutigung zu Selbsthilfe und Ressourcen: Motiviere, zusätzliche Angebote wie Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen oder Freizeitaktivitäten wahrzunehmen. Solche Aktivitäten sind als Ressourcen anzusehen, welche Eigenständigkeit fördern, Isolation abbauen und das Selbstbewusstsein stärken.
• Selbstfürsorge nicht vergessen: Deine eigene mentale Gesundheit ist wichtig – du kannst niemandem effektiv zur Seite stehen, wenn es dir selbst schlecht geht. Scheue dich also nicht, Unterstützung für dich selbst zu suchen, achte auf Pausen und auf dein Wohlbefinden.
Fazit
Trotz wachsender Aufklärung begegnen psychische Erkrankungen noch immer zahlreichen Vorurteilen und Irrtümern. Diese Mythen tragen dazu bei, dass Betroffene zusätzlich zur Erkrankung mit Stigmatisierung und Ausgrenzung zu kämpfen haben. Doch dem kann man aktiv entgegenwirken: Indem wir uns informieren, offen über psychische Gesundheit sprechen und respektvoll mit Betroffenen umgehen. Auch Psychoedukation – also das verständliche Vermitteln von Wissen über psychische Erkrankungen – spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie hilft nicht nur Betroffenen, ihre Situation besser zu verstehen und bewältigen zu können, sondern der Gesellschaft insgesamt, empathischer und unterstützender zu handeln.





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