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Gewaltfreie Kommunikation: Was können Angehörige aus Rosenbergs Modell lernen?

  • Philipp
  • vor 5 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Im letzten Artikel haben wir uns mit Marshall Rosenbergs Modell der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) befasst, welches in den 1970er Jahren entwickelt wurde und bis heute rege Anwendung in verschiedenen Sparten von Psychologie und Pädagogik findet. Nachdem nun ein klareres Bild geschaffen wurde, was man sich eigentlich unter GfK vorzustellen hat, soll nun darauf eingegangen werden, was Angehörige für sich selbst daraus lernen können.



Wie verwendet man die GfK?

Ein Kernaspekt, der in der Verwendung der GfK beachtet werden sollte – gerade, wenn die anwendende Person noch eher neu in der Materie ist – ist, dass es sich keineswegs um eine starre Gesprächsstruktur handelt, sondern um einen Leitfaden, welcher adaptiv an die jeweilige Gesprächssituation angepasst werden sollte. Wie dargestellt, unterscheidet die GfK zwischen der Wolfssprache und der Giraffensprache, wobei letztere aus den vier Bestandteilen Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis und Bitte besteht. Einen Satz anhand dieser vier Aspekte starr auszuformulieren, würde aber wohl tendenziell nicht nur künstlich klingen, sondern könnte den Gesprächspartner gar zusätzlich irritieren und so mehr Distanz erzeugen. Gerade, wenn eine Situation eindeutig zu interpretieren ist, kann es daher sehr sinnhaft sein, einzelne Schritte auszulassen – exemplarisch könnten in manchen Szenarien Beobachtung und Bitte genügen, da die zugrundeliegenden Gefühle und Bedürfnisse beiden Gesprächsparteien bekannt sein könnten.


Daher sollten auch konkrete Aussagen eher kurzgehalten werden, um sicherzustellen, dass die aufnehmende Person alle Aspekte richtig und vollständig erfassen kann. Bei der Ausformulierung sollte außerdem beachtet werden, aus welchem Kontext die zuhörende Person stammt. So würde es exemplarisch bei Kindern kontraproduktiv wirken, viele Fachbegriffe oder verschachtelte Erklärungen zu nutzen, die es nicht einordnen könnte. Ziel sollte es immer sein, mithilfe der GfK einen Weg zu finden, wie man adäquat zu dem Gegenüber durchdringen kann.


Was ist zu tun, wenn der Gegenüber nicht auf die GfK eingeht?

Das Konzept der GfK wird den wenigsten Menschen (und insbesondere kaum Kindern) überhaupt ein Begriff sein, geschweige denn, dass sie es anzuwenden wüssten. Entsprechend ist davon auszugehen, dass trotz eines einseitig gut gewählten Gesprächsansatzes auf Basis der GfK der Gegenüber nicht identisch kommunizieren wird, sondern in Muster verfällt, welche Rosenberg der Wolfssprache zuordnen würde.

Es gilt sich hierbei vor Augen zu führen, dass die Wolfssprache nichts „Bösartiges“ als solches ist. Wolfssprache tritt vor allem dann auf, wenn die aussprechende Person die Not empfindet, Gefühle und Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen, ihr aber kein Weg gelingt, dies angemessen zu tun – gerade dann, wenn sie nicht wissen, wie exakt sie es könnten. Es wird davon ausgegangen, dass jede Person grundsätzlich immer die Fähigkeit bewahrt, die GfK anzuwenden (natürlich auch ohne sich dem Konzept unbedingt bewusst sein zu müssen) und es je nach Vorerfahrungen der Person oder der Tiefe auslösender Konflikte länger dauern kann, bis die Person fähig oder dazu bereit ist, ihre kommunikativen Muster zu ändern.


Das vorrangige Ziel sollte es stets sein – idealerweise für beide Seiten – die zugrundeliegende Emotion aufzuzeigen und zu benennen. Dies kann ein entscheidender Schritt sein, dem Gegenüber dabei zu helfen, sich selbst seiner Gefühlslage bewusst zu werden und entsprechend zu reagieren. Wird man mit Vorwürfen (zum Beispiel durch ein Gegenüber, das In Wolfssprache kommuniziert) konfrontiert, so ist es wichtig, zunächst Selbstempathie, also das Einfühlen in die eigenen Emotionen, auszuüben, bevor man sich vollumfänglich der anderen Person zuwendet. Es ist wichtig, diese Vorwürfe – gerade im Kontext der Not des Gegenübers – nicht als persönlichen Angriff zu verstehen, sondern als ein notgedrungenes Mittel zum Zweck. Erst wenn man selbst auf diese Weise wieder geerdet ist, sollte man empathisch auf die andere Person zugehen: so wird vermieden, dass man aus einem defensiven „Reflex“ heraus das Gegenüber ähnlich unkommunikativ angreift.


Wie gelingt Kooperation im Gespräch?

Es gibt mehrere Teilziele oder auch Voraussetzungen, die gegeben sein sollten, um Kooperation im Gespräch zu ermöglichen. Im Kern eines Konfliktgespräches steht die Kompetenz, dem Gegenüber emotionale Resonanz aufzuzeigen. Es gilt, die zugrundeliegende Emotion zu verstehen, ohne dass der Gegenüber diese benennen (können) muss. Gerade wenn eine Seite sehr belastet in den Konflikt startet, kann es hilfreich sein, zunächst viel zuzuhören und die Gedanken des Gegenübers aufzunehmen, bevor man (davon abweichende) eigene Vorschläge einbringt.


Es wird davon ausgegangen, dass grundsätzlich beide Seiten in einem (Konflikt-)Gespräch den Wunsch haben, den Gegenüber zu „sehen“ und selbst sich gesehen zu fühlen. Um dies zu ermöglichen, sind sowohl aktive als auch passive Zeichen möglich, wobei beide Vor- und Nachteile mit sich bringen: passivere Ausdrücke könnten verpasst oder fehlinterpretiert werden, aktive emotionale Ausdrücke können abschreckend wirken.


Hierbei gilt es, eine besondere Komponente im Austausch zwischen Eltern mit ihren Kindern zu berücksichtigen: Gerade diese „hören“ mit großer Wahrscheinlichkeit in emotionalen Aussagen Vorwürfe, wo die aussprechende Person keine intendiert. Gerade in einem Eltern-Kind-Konflikt kann dies dazu führen, dass das Kind sich rechtfertigen will und eine defensive Gesprächsposition einnimmt oder aber schlechtes Gewissen entwickelt, da es sich für die Emotionen des Elternteils verantwortlich fühlt.


Ziel ist es, hier ein gesundes Maß der Darstellung zu finden: Zwar können Aussagen, die auf Urteilen basieren, durchaus angemessen sein, allerdings gilt es, derartige Aussagen speziell zu hinterfragen und auf ihre Richtigkeit zu überprüfen, ehe man sie als Automatismen am Gesprächspartner (hier: dem eigenen Kind) auslässt. Aktuelle Literatur geht davon aus, dass Urteile über andere oftmals eine invertierte Spiegelung der eigenen Wünsche sind: so könnte der Vorwurf der Rücksichtslosigkeit einer anderen Person gegenüber darauf beruhen, dass die vorwerfende Person ein hohes Bedürfnis nach Rücksicht durch andere hat.

Sobald mithilfe emotionaler Resonanz ein Grundstein für ein erfolgreiches Konfliktgespräch gelegt ist, kann idealerweise begonnen werden, gemeinsam mit dem Gegenüber das weitere Gespräch anzugehen. Im Kern sollte stehen, die gegenseitigen Emotionen zunächst herauszufinden und anschließend zu untersuchen, um sie – sofern nicht gerade hier sehr verschiedene Interpretationen derselben Sache vorliegen – zu validieren. Auch dies unterstützt die genannte Komponente des „gesehen-werden“.


Derartiges Handeln im Gespräch zeigt dem Gesprächspartner, dass es nicht darum ginge, „gegeneinander“ den Konflikt auszutragen, sondern vielmehr gemeinsam den Konflikt anzugehen und bestmöglich zu bewältigen. Lösungsorientierte Ansätze und Vorschläge sollten demnach im Zentrum der Bewältigung stehen. Dabei können und sollen beide Seiten die Möglichkeit haben, Wünsche und Ideen zu äußern: Kommunikation auf Augenhöhe ist entscheidend, insbesondere, wenn diese Gleichheit an anderen Stellen nicht gegeben sein kann (Beispiel Eltern-Kind-Dynamik). Ein ideales Konfliktgespräch endet mit einem offenen Abschluss, der beiden Seiten erneut die Chance eröffnet, das besprochene zu reflektieren und gegebenenfalls die klärenden Schritte vom Start des Gesprächs neu einzuleiten, sollten Aspekte noch unberücksichtigt sein. Auf diese Weise wird sichergestellt, dass beide Seiten das Gespräch mit einem positiven Impuls verlassen.


Fazit

Konfliktgespräche, gerade, wenn man der anderen Person nahesteht, sind teils hochkomplex. Es kann nicht erwartet werden, dass sich beide Seiten immer selbst ihrer Emotionen und zugrundeliegenden Gefühle und Bedürfnisse vollends bewusst sind, weswegen es ein Kernschritt der erfolgreichen Konfliktbewältigung ist, diese Emotionen beider Seiten aufzudecken und beiden zugänglich zu machen. Der Konflikt sollte wie etwas Außenstehendes „Drittes“ betrachtet werden, welches beide Konfliktparteien gemeinsam aufzulösen versuchen. Ziel ist es, einen für beide Seiten zufriedenstellenden Abschluss des Gesprächs zu finden, wo beide Seiten nicht nur ihre Sichtweisen und Gedanken frei äußern konnten, sondern auch beide für die Zukunft Wünsche und Ideen gleichwertig benennen können. Im Kern ist und bleibt der kooperative Gedanke, welcher essenziell dazu beiträgt, derartigen Situationen aufzulösen.


Quellen:

Basu, A., & Faust, L. (2024). Gewaltfreie Kommunikation (Bd. 208). 6. Auflage 2024. Freiburg: Haufe.

Rohr, D., Omer, H., Aarts, M., & Furman, B. (2021). Gelingende Kommunikation mit Kindern und Jugendlichen: neue Autorität, Marte Meo und Ich schaffs! Carl Auer Verlag.

Rosenberg, M. B. (2011). Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens. Junfermann Verlag GmbH.

Rosenberg, M. B., & Quast, P. (2021). Giraffensprache: Gewaltfreie Kommunikation im Alltag (1. Aufl). Junfermann Verlag.

Rosenberg, M. B., Costetti, V., & Quast, P. (2017). Gewaltfreie Kommunikation und Macht: In Institutionen, Gesellschaft und Familie. Junfermann Verlag.

Schirmer, U. B. (2025). Einfühlsam Gespräche führen: wertschätzende und empathische Gesprächsführung in der Praxis der Gesundheits-, Erziehungs-, Pflege- und Sozialberufe (2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage). Hogrefe.

Sikor, L., & Klein, B. (2023). Auf(ge)wachsen mit Gewaltfreier Kommunikation: Ein Mutmachbuch für Eltern. Junfermann Verlag.

Weckert, A. (2023). Gewaltfreie Kommunikation Für Dummies.

https://www.pexels.com/de-de/foto/arbeiten-madchen-mutter-sprechen-8489620/


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