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Erst funktionieren, dann an sich selbst denken: Warum wir Resilienz oft zu spät stärken.

Jessica
vor 9 Stunden
5 Min. Lesezeit

„Ich muss nur noch diese Woche schaffen.“ Wie oft hast du diesen Satz schon gesagt oder von Kollegen, Freunden oder Familie gehört? Nur noch ein paar Termine, nur das eine Projekt noch, danach wird es entspannter. Die immer größer werdende Erschöpfung wird auf später verschoben – auf das Wochenende, den bevorstehenden Urlaub oder auf einen Moment der einfach mehr Ruhe hat.

Doch was, wenn dieser Moment nicht oder erst sehr spät kommt?

Wir funktionieren erstaunlich lange, auch wenn unsere Akkus eigentlich schon ziemlich leer sind. Du schläfst schlechter, bist schneller genervt, kannst abends nicht abschalten oder merkst, dass selbst Dinge, die dir sonst guttun irgendwie anstrengend geworden sind. Und trotzdem machen wir weiter. Oft nicht, weil wir besonders stark sind, sondern weil wir es gelernt haben, Belastungen auszuhalten. Wir sagen uns „Das geht schon. Andere schaffen es auch. Es ist gerade einfach viel“

In diesem Beitrag erfährst du, wieso wir Resilienz oft zu spät stärken.


 

Wenn „Es geht schon“ längst nicht mehr stimmt


Unser Körper und unsere Psyche sind ziemlich gut darin, eine Weile zu kompensieren. Du kannst kurzfristig mehr leisten, weniger schlafen, mehr Termine unterbringen und auch stressige Phasen überstehen. Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Schwierig wird es, wenn aus einer kurzen Phase ein Dauerzustand wird. Dann werden die Signale oft deutlicher: du bist ständig müde, kannst dich schlechtes Konzentrieren, reagierst gereizter oder fühlst dich innerlich dauernd angespannt.

Das Problem: Solange wir unseren Alltag noch irgendwie schaffen, denken wir häufig, dass alles okay ist. Aber funktionieren bedeutet nicht automatisch, dass es uns gut geht.

 

Warum wir Belastungen so lange Normalisieren


„Im Moment ist halt viel los.“ Dieser Satz kann stimmen. Ein stressiger Monat ist schließlich noch kein Grund zur Sorge. Aber manchmal wird aus dem stressigen Monat ein stressiges Jahr. Wir gewöhnen uns daran, ständig unter Druck zu stehen. Der volle Terminkalender wird normal. Die kurze Nacht wird normal. Keine Zeit für uns selbst zu haben, wird normal.

Und genau darin liegt eine Herausforderung: Was sich ständig wiederholt, fühlt sich irgendwann nicht mehr ungewöhnlich an.  Psychologisch spielt dabei auch eine Rolle wie wir unsere Situation bewerten. Anforderungen werden leichter bewältigt, wenn du das Gefühl hast, Einfluss nehmen und auf ausreichende Ressourcen zurückgreifen zu können. Fehlen dagegen Erholung, Unterstützung oder Handlungsspielräume, kann dieselbe Belastung deutlich schwieriger wiegen.

Die Frage ist also nicht nur: Was ist gerade los? Sondern auch: Habe ich noch genug Ressourcen, um damit gut umzugehen?

 

Resilienz ist kein Persönlichkeitsmerkmal


Manche Menschen wirken unglaublich belastbar. Sie bleiben auch in schwierigen Situationen ruhig und scheinen immer einen Weg zu finden. Andere geraten schneller an ihre Grenzen.

Heißt das, dass die einen einfach „resilienter“ sind als die anderen?

So einfach ist es nicht. In der psychologischen Forschung wird Resilienz heute eher als dynamischer Prozess verstanden. Sie hängt von vielen Faktoren ab und kann sich im Laufe des Lebens verändern. Dazu gehören zum Beispiel unsere Fähigkeit, mit Emotionen umzugehen, unsere Selbstwirksamkeit – also das Gefühl, etwas bewirken zu können – soziale Beziehungen und die Möglichkeit, Unterstützung zu bekommen.

Und auch die äußeren Bedingungen zählen. Wenn du dauerhaft unter enormen Druck stehst, wenig Einfluss auf deine Situation hast und kaum Möglichkeiten zur Erholung besitzt, kannst du das nicht einfach durch eine positive Einstellung ausgleichen.

Resilienz ist deshalb nicht nur eine Frage der persönlichen Einstellung.

 

Warum wir erst handeln, wenn es dringend wird


Eigentlich wissen wir, was uns guttut. Schlaf, Bewegung, Pausen. Zeit mit Menschen Verbringen, die uns wichtig sind. Dinge mit Freunden unternehmen. Grenzen. Erholung.

Trotzdem fällt es uns leichter, diese Dinge auf später zu verschieben. Warum? Weil Prävention selten dringend wirkt. Wenn du heute eine Pause machst, passiert nichts Spektakuläres. Wenn du dagegen völlig erschöpft bist, plötzlich nicht mehr schlafen kannst oder merkst, dass du deinen Alltag kaum noch bewältigen kannst, ist der Handlungsdruck sofort da. Unser Gehirn reagiert besonders stark auf unmittelbare Probleme. Deshalb kümmern wir uns häufig lieber um das, was gerade brennt, als um das, was brennen könnte.

Dabei wäre genau das der Moment, in dem Resilienzförderung besonders sinnvoll ist: Bevor die eigenen Ressourcen aufgebraucht sind.

 

Die leisen Signale, die wir gerne überhören


Nicht jede schlechte Nacht und nicht jeder stressige Tag ist gleich ein Warnsignal. Aber Veränderungen können Hinweise darauf geben, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Vielleicht schläfst du plötzlich schlechter. Vielleicht bist du schneller gereizt oder es fällt dir schwer dich zu konzentrieren. Solche Signale sollte man nicht dramatisieren. Aber auch nicht ignorieren. Denn unser Erleben kann uns wichtige Informationen darüber geben, wie gut wir mit den aktuellen Anforderungen zurechtkommen.

Vielleicht lohnt sich dann einmal die Frage: Was ist gerade eigentlich los – und was brauche ich? Nicht erst, wenn gar nichts mehr geht.


Was uns widerstandsfähiger macht


Resilienz bedeutet nicht, möglichst viel auszuhalten.

Es geht vielmehr darum, über Ressourcen zu verfügen und flexibel mit Herausforderungen umgehen zu können. Dazu gehören unterschiedliche Dinge: Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, ein hilfreicher Umgang mit schwierigen Gefühlen, ausreichend Erholung und vor allem auch gute soziale Beziehungen.

Denn wir müssen nicht alles allein schaffen: Menschen, bei denen du dich sicher fühlst, können eine wichtige Ressource sein. Ein Gespräch, praktische Unterstützung oder einfach das Gefühl, mit einer schwierigen Situation nicht allein zu sein, kann einen großen Unterschied machen. Auch psychische Flexibilität spielt eine Rolle: Die Fähigkeit, eine Situation anzunehmen, wenn wir sie gerade nicht verändern können – und gleichzeitig aktiv zu werden, wenn wir etwas verändern können.

Resilienz heißt also nicht: Ich komme allein klar. Manchmal heißt sie auch „Ich weiß, wann ich jemanden brauche“

 

Vielleicht müssen wir nicht stärker werden


Möglicherweise ist das die wichtigste Frage am Ende: Müssen wir wirklich immer belastbarer werden?

Oder wäre es manchmal sinnvoller, früher zu merken, dass unsere Belastungsgrenze näherkommt? Resilienz bedeutet, wie bereits erwähnt, nicht immer mehr aushalten zu können. Sie bedeutet auch, die eigenen Ressourcen ernst zu nehmen und rechtzeitig gegenzusteuern.

Eine Pause machen, bevor man völlig erschöpft ist. Eine Grenze zu setzen, bevor aus Frust Wut wird. Über etwas sprechen, bevor man sich immer weiter zurückzieht. Unterstützung annehmen, bevor man sich dringend braucht.

Vielleicht ist das die Form von Stärke, die wir noch viel zu selten sehen.  Nicht das endlose Funktionieren. Sondern die Fähigkeit, früh genug hinzuhören.


Fazit


Resilienz beginnt früher als wir denken. Wir müssen nicht erst warten, bis der Akku bei Null Prozent angekommen ist. Resilienz bedeutet nicht, immer stark zu sein, jede Herausforderung allein zu bewältigen oder möglichst viel auszuhalten. Sie zeigt sich auch darin, die eigenen Grenzen wahrzunehmen, Unterstützung anzunehmen und Veränderungen ernst zu nehmen, bevor aus Belastung Überforderung wird. Vielleicht lohnt es sich deshalb, nicht erst in schwierigen Zeiten zu fragen „Wie halte ich das jetzt noch aus?“, sondern schon vorher „Was brauche ich, damit es gar nicht erst so weit kommt?“

Denn psychische Widerstandsfähigkeit entsteht nicht über Nacht. Sie wächst im Alltag – durch Erholung, Beziehungen, Selbstwirksamkeit, einen guten Umgang mit den eigenen Gefühlen und den Mut, rechtzeitig hinzuschauen.

Möglicherweise ist das eine der wichtigsten Formen von Resilienz: Nicht immer mehr auszuhalten, sondern früher zu merken, wenn es Zeit wird, etwas zu verändern.

Für weitere Informationen und Unterstützung in Bezug auf Resilienz und Resilienz Training kann unser ZPP-Kurs interessant für dich sein


Quellen

Bildquelle: https://pixabay.com/de/illustrations/psychische-gesundheit-psychologie-7529899/ 


Heller, J.: Resilienz als Prozess. https://juttaheller.de/resilienz-wissen/was-ist-resilienz/resilienz-als-prozess/ 


Reichhart, T., & Pusch, C. (2023). Resilienz-Coaching (electronic Resource): Ein Praxismanual zur Unterstützung von Menschen in herausfordernden Zeiten / (1st ed. 2023.) Springer Fachmedien Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-37432-7 (Seite 237-247)


Witteck, C., (2015): Resilienz In Der Sozialpädagogik: Möglichkeiten Der Resilienzförderung. Diplomica Verlag. (Seite 41f).


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