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Was ist Spiritualität?



Immer mehr Menschen, besonders in Europa, wenden sich von traditioneller Religiosität und Kirchlichkeit ab. Der Begriff Spiritualität dagegen fällt immer öfter, besonders von eben diesen Menschen, die sich von kirchlichem Glauben abgrenzen wollen. Doch was bedeutet der Begriff eigentlich? In diesem Artikel soll es genau darum gehen, und darum, wie sich Spiritualität auf uns auswirken kann. Der Artikel bezieht sich primär auf das Buch „Psychologie der Spiritualität“ von Anton A. Bucher, das auf die hier erwähnten Themen deutlich tiefer eingeht.

Der Begriff Spiritualität

Zu dem Begriff Spiritualität kommen verschiedenste Assoziationen auf. Manche Assoziieren den Begriff mit Übernatürlichem, manche mit dem Begriff Transzendenz, andere wiederum mit Esoterik oder Okkultismus. Auch mit Spirituellen Praktiken wird der Begriff assoziiert, aber auch mit Harmonie, Religionsunabhängigem Glauben, Lebensphilosophie, Sinn oder übersinnlichen Erfahrungen. Keine der Assoziationen ist so gesehen richtig oder falsch, da keine es keine eindeutige Definition von Spiritualität gibt. Aufgrund der Vielfalt des Begriffs wäre eine solche auch nicht sinnvoll, da die Definition stets Phänomene ausschließt. Wenn man also von Spiritualität und ihren Auswirkungen spricht, muss man wissen oder klarstellen, was der Begriff im jeweiligen Kontext bedeutet. Die Vielfalt der subjektiven Theorien darüber, was Spiritualität bedeutet, ist nämlich groß. Sehr oft wird sie mit dem Begriff der Verbundenheit oder dem „Eins“ sein in Verbindung gebracht. Verbundenheit kann hier auf Verschiedenes bezogen sein, sei es mit der Natur, mit einer höheren Macht oder Gott, mit anderen Menschen, oder aber Verbundenheit mit sich selbst. Neben Verbundenheit wird Spiritualität auch als Selbst-Transzendenz oder die Ausübung spiritueller Praktiken wie Meditation oder Beten definiert. Aufgrund solcher wiederkehrenden Motive versucht der Buchautor es mit einer Annäherung des Begriffs Spiritualität als „wesentlich Verbundenheit und Beziehung, und zwar zu einem den Menschen übersteigenden, umgreifenden Letztgültigen, Geistigen, Heiligen[…]“, was aber wie bereits erwähnt je nach Kontext auch anders sein kann.

Spiritualität und Religiosität

Spiritualität und Religiosität sind zwei Begriffe, die in der heutigen Gesellschaft oft unterschiedlich wahrgenommen werden. Während Spiritualität positiv konnotiert ist und oft mit persönlichem Wachstum, innerer Suche und Transzendenz in Verbindung gebracht wird, hat Religiosität häufig einen negativeren Beigeschmack und wird mehr mit Institutionalisierung und Dogmatisierung in Verbindung gebracht. In der heutigen zunehmend pluralistischen Welt sehnen sich viele Menschen nach einer individuellen, persönlichen Verbindung zum Spirituellen, fernab von institutionalisierten Glaubenssystemen. Der Begriff Spiritualität bietet hier einen Raum für persönliche Entfaltung und die Suche nach einer höheren Bedeutung jenseits organisierter Religionen. Die Abkehr von kirchlicher Religiosität als Korrelat dessen ist dementsprechend nicht groß verwunderlich. Es ist allerdings wichtig zu erwähnen, dass es einen Unterschied zwischen Religiosität und Religion gibt. Religiosität bezieht sich auf die persönliche Ausprägung des Glaubens und der Spiritualität eines Einzelnen, während Religion oft auf organisierte Glaubenssysteme und deren spezifische Praktiken verweist. Jemand kann also durchaus religiös sein, ohne einer bestimmten Religion anzugehören. Dennoch gibt es eine Überlappung zwischen Religion und Spiritualität. Viele religiöse Praktiken haben spirituelle Elemente, und gleichzeitig können spirituelle Menschen durchaus religiöse Rituale in ihre Suche nach Bedeutung integrieren. Genauso kann man sich aber auch nur einem von beidem zuordnen: Religiosität ohne Spiritualität ist z.B. an Weihnachten die Messe zu besuchen, weil es in der Familie von einem erwartet wird. Spiritualität ohne Religiosität kann z.B. Meditieren als Stressmanagement sein, ohne transzendente Motive. Diese Begriffe existieren also nicht in einem festen, starren Gefüge, sondern können je nach individueller Auslegung variieren. Insgesamt scheint jedoch das Bedürfnis nach einer authentischen Verbindung zum Transzendenten, frei von dogmatischen Zwängen und institutionalisierten Strukturen, zuzunehmen, was miterklären kann wieso mehr Menschen sich heutzutage als nur Spirituell bezeichnen, und sich zeitgleich mehr Menschen von Religion abgrenzen.

Spiritualität und Gesundheit

Studien im amerikanischen Raum konnten zeigen, dass Spiritualität (definiert als regelmäßiger Kirchgang) sich auf die Sterblichkeit vergleichbar auswirkt, wie der Verzicht auf Rauchen. Dies legt nahe, dass Spiritualität über verschiedene Mechanismen direkt oder indirekt die Gesundheit fördert. Ebenfalls in diese Richtung deuten die Beobachtungen, dass religiöse und spirituelle Personen oft eine höhere Lebenszufriedenheit aufweisen, sowie dass Spirituelle Einstellungen Unzufriedenheit kompensieren können, als auch dass sie ein Schutzfaktor vor depressiver Verstimmung und Ängstlichkeit sein können. Diese Beobachtungen weisen darauf hin, dass Spiritualität nicht nur eine Art von Lebensstil ist, sondern auch erhebliche Auswirkungen auf das Wohlbefinden und die Gesundheit haben kann. Es bleibt jedoch wichtig zu betonen, dass die Zusammenhänge zwischen Spiritualität und Gesundheit komplex sind und von vielen individuellen und sozialen Faktoren beeinflusst werden können. Wieso man diese Effekte beobachten kann, wird versucht durch unterschiedliche Faktoren zu erklären versucht. Eine Schlüsselkomponente ist die Zuordnung von mehr Sinn und Bedeutung zu verschiedenen Aspekten des Lebens durch spirituelle oder religiöse Überzeugungen. Diese tiefgreifende Sinngebung könnte einen stabilisierenden Einfluss auf die psychische Gesundheit haben und als Schutzfaktor vor emotionalen Belastungen dienen. Des Weiteren zeigt sich, dass spirituelle und religiöse Personen oft eine bessere soziale Eingebundenheit durch ihre religiöse oder spirituelle Gemeinschaft aufweisen. Die Unterstützung und das Gefühl der Zugehörigkeit in solchen Gemeinschaften können dazu beitragen, soziale Isolation zu verhindern und psychosoziale Belastungen zu reduzieren und dadurch die Gesundheit fördern. Die Praxis der Spiritualität wird auch oft als bewährter Mechanismus zur Stressverarbeitung angesehen. Dankbarkeitspraxis, Meditation und Gebet können dazu beitragen, den alltäglichen Stress zu bewältigen und eine positive Einstellung zu bewahren. Ein weiterer wichtiger Punkt ist der gesündere Lebensstil vieler spiritueller und religiöser Menschen. Der Verzicht auf schädliche Gewohnheiten wie Rauchen und Drogenkonsum sowie die Praxis von gesundheitsfördernden Verhaltensweisen wie Fasten könnten zu den beobachteten positiven Gesundheitseffekten beitragen. Diese Lebensstilfaktoren werden oft von den Glaubensgemeinschaften vorgeschrieben oder als Teil der spirituellen Praxis angesehen. Trotz der Kontrolle für einen gesunden Lebensstil bleibt jedoch ein bisher unerklärter Anteil des Effekts auf die Lebensdauer bestehen. Hier wird in Verschiedenste Richtungen spekuliert, was derartige Effekte erklären kann. Eine konkrete viel erforschte spirituelle Praktik ist Meditation, die nachweislich verschiedene positive Effekte auf die Gesundheit hat. Durch regelmäßige Meditation kann unter anderem die eine verbesserte Immunfunktion gefördert werden, was dazu beiträgt, den Körper widerstandsfähiger gegen Krankheiten zu machen. Ein weiterer gesundheitsfördernder Effekt von Meditation liegt in der Förderung eines gesunden Lebensstils. Menschen, die regelmäßig meditieren, neigen dazu, bewusster zu leben. Dies kann sich oft in einem gesteigerten Gesundheitsbewusstsein zeigen, was zu positiven Veränderungen im Lebensstil führen kann. Dazu gehören langfristig das Aufgeben schädlicher Gewohnheiten wie Rauchen sowie die Förderung von gesunden Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten. Meditation hat auch nachgewiesene Auswirkungen auf die psychische Gesundheit. Die Reduktion von depressiven Symptomen und Ängstlichkeit ist einer der häufigsten beobachteten Effekte. Durch die Konzentration auf den gegenwärtigen Moment und das Loslassen von belastenden Gedanken können meditierende Personen eine verbesserte emotionale Stabilität erfahren. Des Weiteren trägt Meditation zur Steigerung des allgemeinen Wohlbefindens und Selbstwerts bei. Die positiven Effekte von Meditation erstrecken sich also über verschiedene Dimensionen der Gesundheit, sowohl physisch als auch psychisch, was ein Teil des Puzzles der Erklärung der gesundheitlichen Effekte von Spiritualität auf Gesundheit ist. Doch Meditation ist nicht die einzige spirituelle Praxis. Neben dieser existieren noch viele weitere Praktiken, Einstellungen und Motive wie Hoffnung, Altruismus/Generativität, Vergebung/Verzeihen, Dankbarkeit und Gelassenheit/Akzeptanz, die ebenfalls nachweislich hilfreich sein können.

Wann ist Spiritualität schädlich?

Neben all diesen möglichen positiven Effekten ist es trotzdem wichtig, auch kritische Aspekte zu behandeln, also unter anderem, wann Spiritualität schadet und was pathologische neureligiöse Bewegungen von nicht Pathologischen unterscheidet.

Was sehr klar steht, ist dass ein psychotischer Hintergrund eine ganz klare Kontraindikation für viele Spirituelle Praktiken wie Meditation ist, man auf diese also verzichten sollte. Doch auch nicht-psychotische Personen können durch tiefgreifende Erfahrungen in eine spirituelle Krise versetzt werden, die gemeistert werden muss. Auch die Art der spirituellen oder religiösen Überzeugung ist wichtig, während positiv & optimistische Einstellungen förderlich sind, sind Überzeugungen, die auf Schulddenken aufbauen, sehr zerstörerisch, wie etwa die Überzeugung verdammt zu sein oder von Gott bestraft werden zu müssen.

Ein ebenfalls schädliches Ausleben von Spiritualität sin das sogenannte spirituelle „Bypassing“ und der spirituelle Materialismus. Hierbei wendet man sich spirituellen Praktiken nur zu, um narzisstischen Nutzen daraus zu ziehen und vernachlässigt dabei andere Lebensbereiche wie z.B. das eigene soziale Umfeld, was zu einem Verlust des Realitätsbezuges führen kann. Man wendet sich also vermeintlich höheren Zielen zu, anstatt sich den Herausforderungen des Alltags zu stellen. Ebenfalls zu dem Phänomen des „Bypassings“ gehören schlichtweg falsche Überzeugungen, wie die, durch spirituelle Praxis negative Emotionen „loswerden“ zu können, oder absolut immer gelassen sein zu können.

Abschließend soll es noch kurz um die Erkennung pathologischer spiritueller Bewegungen gehen. Ein Warnzeichen sind spirituelle Führer, die nicht-hinterfragten Gehorsam verlangen, die ihre Mitglieder infantilisieren und ihre Macht Missbrauchen. „Gute“ spirituelle Autoritäten leiten nur funktional an und haben nicht den Anspruch, für immer diese Autoritäten zu bleiben. Außerdem unterscheiden pathologische Gruppen sehr stark zwischen Mitgliedern und Nicht-Mitgliedern, die Mitglieder verlieren vollkommen ihrer Individualität und ihnen wird die Rückkehr in das alte Leben verboten oder schwer gemacht. Ebenfalls existieren Ideologische Spirituelle Bewegungen, die den Anspruch vertreten, die Menschheit zu retten, und apokalyptisch-Endzeitliche Ausrichtungen haben.


Quellen

Bucher. (2007). Psychologie der Spiritualität : Handbuch (1. Aufl.).

https://www.pexels.com/de-de/foto/monch-der-gebetsperlen-uber-berg-halt-2730217/


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