Unsichtbare Belastung im Job: Wenn niemand auf der Arbeit merkt, was du privat trägst
- vor 2 Tagen
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Du sitzt am Schreibtisch, der Bildschirm leuchtet, die Mail-Liste ist lang, und in deinem Kopf läuft parallel ein zweiter Film. Wie geht es ihr heute? Hat er seine Medikamente genommen? Was, wenn das Telefon klingelt? Wenn du Angehörige oder Angehöriger eines Menschen mit einer psychischen Erkrankung bist, kennst du dieses Doppelleben wahrscheinlich gut. Außen funktionierst du. Innen trägst du eine Last, von der die meisten Kolleginnen und Kollegen nichts wissen.
Wenn der Kopf zwei Schichten arbeitet
Angehörige psychisch erkrankter Menschen erleben eine Belastung, die in der Fachliteratur als „caregiver burden“ beschrieben wird. Eine Mischung aus emotionalem Druck, Sorge und organisatorischer Verantwortung. Im Arbeitsalltag heißt das konkret: Deine kognitiven Ressourcen sind schon vor dem ersten Meeting angebrochen.
Dazu kommt: Wer dauerhaft im Sorge-Modus lebt, der schaltet abends schlechter ab. Laut einer deutschlandweiten Studie der Techniker Krankenkasse gelingt es vier von zehn Beschäftigten ohnehin nicht, in der Freizeit von der Arbeit abzuschalten. Bei Angehörigen mit zusätzlicher privater Belastung verstärkt sich dieser Effekt erheblich. Die Schlafqualität sinkt, Erholung bleibt aus, und am nächsten Morgen sitzt man mit halbem Energielevel im Büro.
Und das ist keine Schwäche. Es ist eine logische Folge davon, dass dein Nervensystem über Monate oder Jahre hinweg auf erhöhter Wachsamkeit läuft. Diesen Zusammenhang einmal verstanden zu haben, ist der erste Entlastungsschritt, weil er Selbstvorwürfe („Ich bin zu langsam, zu vergesslich, zu dünnhäutig“) durch eine Erklärung ersetzt.
Grenzen ziehen und das Unsichtbare ansprechbar machen
Kaum jemand möchte seine Familiengeschichte im Großraumbüro ausbreiten. Das bedeutet aber auch, dass du allein mit etwas umgehst, das eigentlich zu groß für eine Person ist.
Du musst nicht alles offenlegen, um dich zu entlasten. Oft hilft es, schrittweise vorzugehen:
Mit dir selbst beginnen: Sortiere, was gerade real machbar ist. Welche Aufgaben sind heute Pflicht, welche können warten? Eine schriftliche Tagesliste mit maximal drei Prioritäten reduziert das Gefühl, alles gleichzeitig leisten zu müssen.
Eine Vertrauensperson auswählen: Das kann die direkte Führungskraft sein, eine Kollegin oder noch besser - eine Ansprechperson aus dem betrieblichen Gesundheitsmanagement bzw. der Sozialberatung deines Arbeitgebers. Diese Stellen unterliegen häufig der Schweigepflicht.
Konkret formulieren statt rechtfertigen: Statt nur zu sagen: „Mir geht es nicht gut“, ist oft eine konkretere Formulierung hilfreicher. Zum Beispiel: „Ich habe gerade eine intensive familiäre Situation. Deshalb brauche ich in den nächsten Wochen verlässliche Kernarbeitszeiten / weniger spontane Termine / keinen Bereitschaftsdienst.“
Rechte kennen: Arbeitgeber sind seit 2013 verpflichtet, psychische Belastungen in der Gefährdungsbeurteilung zu berücksichtigen (BAuA / ArbSchG § 5). Das heißt nicht, dass dein Privatleben dort hingehört, aber es heißt, dass psychische Gesundheit ein legitimes Thema im Arbeitskontext ist.
Kleine Pausen, große Wirkung
Wenn die großen Erholungsfenster wie Urlaub, ungestörte Abende oder Hobbys fehlen, wird die Mikroerholung am Arbeitsplatz zur wichtigsten Ressource. Eine Metaanalyse von 22 Studien zeigt, dass schon Pausen von wenigen Sekunden bis fünf Minuten Müdigkeit reduzieren und das Energielevel messbar heben können. Nicht die Länge, sondern die Qualität der Pause ist entscheidend.
Konkret heißt das im Büroalltag:
Rhythmus statt Zufall: Plane alle 60 bis 90 Minuten eine drei- bis fünfminütige Unterbrechung. Stehe auf, geh ans Fenster, hole Wasser. Das Nervensystem braucht diese Taktung, gerade wenn es ohnehin im Hintergrund mitläuft.
Atem als Anker: Vier Sekunden einatmen, sechs Sekunden ausatmen, fünfmal wiederholen. Das verlangsamt nachweislich die Herzfrequenz und beruhigt die Stressachse.
Bewegung dosieren: Treppe statt Aufzug, Telefonate im Gehen, Mittagspause draußen. Bewegung baut Stresshormone ab und verbessert die Sauerstoffversorgung des Gehirns.
Sorgenfenster setzen: Reserviere dir bewusst 15 Minuten nach Feierabend, in denen du den privaten Themen Raum gibst (anrufen, Termine planen etc.). So bekommen sie einen Platz, drängen sich aber weniger in den Arbeitsalltag.
Fazit
Du bist nicht weniger leistungsfähig, weil du parallel jemanden unterstützt. Du leistest gerade nur deutlich mehr, als deine Arbeit allein abbildet. Sich das einzugestehen und entsprechend mit den eigenen Ressourcen umzugehen ist keine Kapitulation. Es ist Selbstfürsorge.
Quellen
Albulescu, P. et al. (2022): „Give me a break!“ A systematic review and meta-analysis on the efficacy of micro-breaks for increasing well-being and performance. PLOS ONE, 17(8).
Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – Gefährdungsbeurteilung nach § 5 ArbSchG. baua.de.
Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e. V. (BApK): bapk.de.
Lippi, G. (2016): Schizophrenia in a member of the family: Burden, expressed emotion and addressing the needs of the whole family. South African Journal of Psychiatry, 22(1).
Souza, A. L. R. et al. (2017): Factors associated with the burden of family caregivers of patients with mental disorders: A cross-sectional study. BMC Psychiatry, 17(353).
Techniker Krankenkasse (2023): Studie „#whatsnext – Gesund arbeiten in der hybriden Arbeitswelt“ sowie TK-Stressstudie. tk.de.
gesund.bund.de – Bundesministerium für Gesundheit: Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz.



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