Self-Talk im Alltag: Was wir aus dem Leistungssport lernen können
- Steffi
- vor 3 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Wie Angehörige von psychisch erkrankten Menschen die Kraft innerer Sprache nutzen
können
Vom Spielfeld ins Leben
Im ersten Teil unserer Reihe ging es darum, wie Athlet:innen durch gezielte Selbstgespräche Leistung, Fokus und Gelassenheit verbessern können. Doch die Wirkung von innerer Sprache endet nicht beim Wettkampf.
Auch im Alltag stehen Menschen unter mentalem Druck – besonders jene, die einen psychisch erkrankten Angehörigen begleiten. Zwischen Sorgen, Hilflosigkeit und Verantwortungsgefühl bleibt oft wenig Raum für sich selbst. Hier kann Self-Talk helfen: nicht als sportliche Technik, sondern als Werkzeug, um emotionale Stabilität und Selbstmitgefühl zu fördern.
Wenn Gedanken zu Mitspielern werden
Angehörige erleben häufig innere Dialoge wie:
„Ich muss stark bleiben.“ – „Ich darf nicht müde sein.“ – „Ich mache alles falsch.“
Solche Gedanken entstehen automatisch und beeinflussen Emotion und Verhalten. In
der Psychologie ist das seit Langem bekannt.
Wer seine innere Sprache verändert, verändert also sein Erleben. Statt „Ich darf
keinen Fehler machen“ kann „Ich gebe mein Bestes, mehr kann niemand“ bereits
spürbar entlasten.
Diese Form der Selbstansprache ist kein positives Denken, sondern kognitive
Selbststeuerung – eine bewusste Art, den eigenen inneren Dialog zu gestalten.
Was Angehörige aus dem Leistungssport übernehmen können
Im Sport lernen Athlet:innen, mit sich selbst so zu sprechen, dass sie handlungsfähig bleiben. Dieses Prinzip lässt sich erstaunlich gut auf den Alltag übertragen – nur mit anderem Ziel: statt maximaler Leistung geht es um emotionale Ausgeglichenheit und Selbstfürsorge.

Selbstgespräche, die Halt geben
Self-Talk im Alltag bedeutet nicht, sich mit Durchhalteparolen anzutreiben. Es geht vielmehr darum, freundlich, realistisch und klar mit sich selbst zu sprechen.
Einige hilfreiche Beispiele:
- „Ich darf Pausen machen, auch wenn andere mich brauchen.“
- „Ich weiß nicht alles – und das ist in Ordnung.“
- „Ich bleibe ruhig, auch wenn es schwerfällt.“
- „Ich tue, was ich kann – und das reicht heute.“
Solche Sätze wirken wie mentale Anker: Sie strukturieren Gedanken, reduzieren
innere Anspannung und helfen, in emotional schwierigen Situationen zentriert zu
bleiben.
Fünf praktische Strategien für den Alltag
1. Beobachte deine Gedanken:
Erkenne typische innere Formulierungen, besonders in Stressmomenten. Bewusstsein ist der erste Schritt zur Veränderung.
2. Sprich dir zu, was du einem Freund sagen würdest:
Diese Perspektive hilft, Selbstkritik durch Mitgefühl zu ersetzen.
3. Nutze Schlüsselwörter:
Kurze, einprägsame Worte – „Ruhe“, „Atmen“, „Jetzt“ – können dich in akuten Momenten zurück in die Gegenwart holen.
4. Baue Routinen auf:
Wiederhole deine unterstützenden Sätze täglich, z. B. morgens oder vor herausfordernden Gesprächen.
5. Akzeptiere Unvollkommenheit:
Self-Talk soll keine Kontrolle erzwingen, sondern dich daran erinnern, dass du dein Bestes gibst – und dass das genügt.
Warum das wirkt
Selbstinstruktionen können das Verhalten messbar beeinflussen. Im Alltag bedeutet das: Wer mit sich selbst konstruktiv spricht, reagiert ruhiger, überlegter und emotional ausgeglichener. Zudem stärkt Self-Talk die Selbstwirksamkeit: das Vertrauen, schwierige Situationen bewältigen zu können. Gerade Angehörige psychisch erkrankter Menschen profitieren davon, weil sie sich dadurch weniger ausgeliefert und hilfloser fühlen. Und noch etwas: Eine ruhige, mitfühlende innere Sprache wirkt nach außen. Wer sich selbst freundlich begegnet, strahlt diese Haltung auch auf andere aus – oft spürbar für die erkrankte Person.
Fazit
Self-Talk ist nicht nur eine mentale Technik für den Leistungssport. Er ist eine alltagstaugliche Haltung – ein innerer Dialog, der Ruhe schafft, wo Chaos droht. Für Angehörige psychisch erkrankter Menschen kann er zu einer wertvollen Ressource werden, um sich selbst zu stabilisieren, Grenzen zu wahren und in belastenden Phasen handlungsfähig zu bleiben. Denn mentale Stärke bedeutet nicht, immer stark zu sein –sondern in den Momenten der Schwäche die richtigen Worte für sich selbst zu finden.





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