Dependente Persönlichkeitsstörung
- team478323
- 17. Sept. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Warum dieses Thema relevant ist
Die dependente Persönlichkeitsstörung (auch abhängige Persönlichkeitsstörung genannt) gehört zu den seltener diagnostizierten, aber klinisch bedeutsamen Persönlichkeitsstörungen des sogenannten Cluster C im DSM-5, das durch Angst und Furchtsamkeit geprägt ist. Während in der öffentlichen Wahrnehmung häufig Störungen wie Depression oder Borderline-Persönlichkeitsstörung im Vordergrund stehen, wird diese Persönlichkeitsstörung oft übersehen oder fälschlich als „normale“ Unsicherheit abgetan.
Betroffene leiden jedoch unter einer tief verankerten Abhängigkeit von anderen Menschen, die sich in unterwürfigem Verhalten, Trennungsangst und einem ausgeprägten Bedürfnis nach Unterstützung äußert. Diese Muster führen nicht nur zu erheblicher Belastung im privaten und beruflichen Leben, sondern auch zu einem erhöhten Risiko, in schädlichen Beziehungen zu verbleiben.
Die Prävalenz liegt bei etwa 0,5–0,6 % in der Gesamtbevölkerung, wobei Frauen etwas häufiger betroffen sind. Trotz der vergleichsweise niedrigen Häufigkeit ist die dependente Persönlichkeitsstörung ein relevantes Thema für Psychotherapie, Prävention und Psychoedukation, da sie oft chronisch verläuft, wenn keine gezielte Behandlung erfolgt.
Ursachen und Risikofaktoren
Die Entstehung einer dependenten Persönlichkeitsstörung (DPD) ist multifaktoriell und entsteht aus dem Zusammenspiel genetischer, entwicklungsbedingter und psychosozialer Faktoren. Studien nennen folgende Kernfaktoren:
1. Genetische Disposition
Familiäre Häufungen von Angststörungen und anderen Persönlichkeitsstörungen deuten auf eine erbliche Komponente hin
2. Frühe Bindungserfahrungen
Überbehütende oder kontrollierende Eltern können die Autonomieentwicklung hemmen.
Mangelnde Förderung eigener Entscheidungen führt zu einem Gefühl der Hilflosigkeit im Erwachsenenalter
3. Traumatische Kindheitserlebnisse
Vernachlässigung, emotionaler Missbrauch oder instabile Bezugspersonen erhöhen das Risiko, unsichere Bindungsstrategien zu entwickeln.
4. Soziale und kulturelle Normen
In stark hierarchischen oder patriarchalen Gesellschaften kann Abhängigkeit von Bezugspersonen als „normal“ gelten, was die Entwicklung einer dependenten Persönlichkeitsstörung begünstigen kann.
Das Zusammenspiel dieser Faktoren führt zu einer stabilen Persönlichkeitsstruktur, die von geringer Selbstwirksamkeitserwartung und starker Fremdorientierung geprägt ist.
Diagnose und Verlauf
Die Diagnose erfolgt nach DSM-5 oder ICD-10/11 Kriterien. Laut DSM-5 muss ein umfassendes und übermäßiges Bedürfnis nach Fürsorge vorliegen, das zu unterwürfigem und klammerndem Verhalten führt. Mindestens fünf der folgenden acht Kriterien müssen erfüllt sein:
Schwierigkeiten, alltägliche Entscheidungen ohne umfangreiche Rückversicherung zu treffen
Notwendigkeit, Verantwortung für wichtige Lebensbereiche an andere zu delegieren
Angst vor Ablehnung, was zu Konfliktvermeidung führt
Probleme, eigene Projekte zu starten
Übermäßige Anstrengungen, Unterstützung zu erhalten (auch durch unangenehme Aufgaben)
Unbehagen oder Hilflosigkeit, wenn allein
Dringendes Bedürfnis nach einer neuen Beziehung, sobald eine alte endet
Übertriebene Sorge, sich nicht selbst versorgen zu können
Verlauf
Der Verlauf der dependenten Persönlichkeitsstörung beginnt in der Regel im frühen Erwachsenenalter, wobei sich erste Anzeichen häufig schon in der Jugend zeigen. Diese frühen Auffälligkeiten äußern sich oft in einem ausgeprägten Bedürfnis nach Bestätigung, einer starken Orientierung an Bezugspersonen und Schwierigkeiten, Entscheidungen eigenständig zu treffen. Ohne gezielte therapeutische Intervention kann sich dieses Muster verfestigen und über viele Jahre hinweg bestehen bleiben.
Im weiteren Verlauf neigen Betroffene dazu, enge und oft einseitig abhängige Beziehungen zu pflegen. Selbst wenn diese Beziehungen ungesund oder missbräuchlich sind, fällt es ihnen schwer, sich zu lösen, da die Angst vor dem Alleinsein oder mangelnder Selbstversorgung überwiegt. Dieses Abhängigkeitsmuster kann sich sowohl im privaten als auch im beruflichen Umfeld zeigen und führt häufig zu einer Einschränkung der persönlichen und sozialen Entwicklung.
Ohne Behandlung verläuft die Störung chronisch, was bedeutet, dass die Symptome über lange Zeit stabil bleiben oder sich sogar verstärken können. Komorbiditäten wie depressive Störungen, Angststörungen oder Substanzmissbrauch treten häufig hinzu und können den Verlauf zusätzlich belasten
Therapie und Umgang mit Betroffenen
Die Behandlung der DPD basiert in erster Linie auf psychotherapeutischen Verfahren, da medikamentöse Maßnahmen allein die grundlegenden Persönlichkeitsmuster nicht verändern können. Das Ziel der Therapie ist es, Betroffene schrittweise zu mehr Autonomie, Entscheidungsfähigkeit und Selbstvertrauen zu führen, ohne ihre emotionale Sicherheit abrupt zu gefährden.
Kognitive Verhaltenstherapie (CBT) gilt als eine der wirksamsten Methoden. Sie konzentriert sich darauf, selbstschädigende Gedanken- und Verhaltensmuster zu erkennen und zu verändern. In der Behandlung werden schrittweise Situationen geübt, in denen Betroffene Entscheidungen selbstständig treffen oder Aufgaben ohne Rückversicherung ausführen. Durch positive Erfahrungen und gezielte Verstärkung kann so das Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit wachsen.
Psychodynamische Verfahren setzen an den unbewussten Beziehungsmustern an, die oft schon in der Kindheit entstanden sind. Hier werden Bindungsängste, Abhängigkeitsgefühle und Konfliktvermeidungsverhalten aufgearbeitet. Ziel ist es, die inneren Ursachen für die Abhängigkeit zu verstehen und alternative, gesündere Formen der Beziehungs- und Konfliktgestaltung zu entwickeln.
Schematherapie kombiniert Elemente aus kognitiver Verhaltenstherapie, Bindungstheorie und erlebnisorientierten Methoden. Sie kann helfen, tief verankerte „Schemata“ wie das Gefühl von Hilflosigkeit oder Minderwertigkeit zu verändern. Durch wiederholtes Erleben neuer, korrigierender Beziehungserfahrungen in der Therapie werden Betroffene ermutigt, ihre Rolle als „Hilfsbedürftige“ schrittweise abzulegen.
Familientherapie kann in vielen Fällen eine wichtige Ergänzung sein. Da die DPD häufig in engem Zusammenhang mit familiären Strukturen steht, ist es hilfreich, auch Angehörige in den therapeutischen Prozess einzubeziehen. Dies ermöglicht es, eingefahrene Muster in den Beziehungen zu verändern und ein Umfeld zu schaffen, das selbstständiges Handeln unterstützt, anstatt Abhängigkeit zu fördern.
Eine erfolgreiche Therapie erfordert Geduld – sowohl vonseiten der Betroffenen als auch vonseiten der Therapeuten und Therapeutinnen. Kleine, aber kontinuierliche Fortschritte in Richtung Selbstständigkeit sind dabei oft entscheidender als schnelle, radikale Veränderungen.
Umgang mit Betroffenen (für Angehörige)
Der Umgang mit Menschen, die an einer dependenten Persönlichkeitsstörung leiden, erfordert ein hohes Maß an Geduld, Verständnis und Klarheit. Angehörige nehmen oft eine zentrale Rolle im Leben der Betroffenen ein, was sowohl unterstützend als auch ungewollt verstärkend auf die Abhängigkeitsmuster wirken kann.
Wichtig ist, die Selbstständigkeit der betroffenen Person zu fördern, ohne sie dabei zu überfordern. Das bedeutet, Entscheidungen nicht dauerhaft abzunehmen, sondern ermutigend zu begleiten. Schon kleine Aufgaben, die eigenständig übernommen werden, können das Selbstvertrauen deutlich stärken.
Klare Grenzen sind ebenso wichtig. Wer in einer engen Beziehung zu einer Person steht, die an einer dependenten Persönlichkeitsstörung erkrankt ist, sollte sich bewusst Zeit und Raum für die eigenen Bedürfnisse nehmen. Andernfalls besteht die Gefahr, in eine übermäßige Fürsorgerolle zu geraten, die langfristig zu Erschöpfung oder Frustration führen kann.
Offene Kommunikation hilft, Missverständnisse zu vermeiden. Gespräche über Ängste, Erwartungen und Veränderungen sollten in einem ruhigen, respektvollen Rahmen stattfinden. Dabei kann es hilfreich sein, Verständnis für die Ängste des Gegenübers zu zeigen und gleichzeitig aber auch realistische Perspektiven zu vermitteln.
Angehörige sollten außerdem nicht zögern, professionelle Unterstützung anzuregen. Dies kann den Druck innerhalb der Beziehung reduzieren und gleichzeitig ermöglichen, dass die Betroffenen gezielt an ihren Mustern arbeiten. Unterstützungsangebote wie Angehörigengruppen oder psychologische Beratung können auch für das soziale Umfeld entlastend sein.
Fazit
Die dependente Persönlichkeitsstörung ist mehr als nur „Unsicherheit“ oder „Anhänglichkeit“. Sie ist ein komplexes, tief verwurzeltes Muster, dass das Leben in vielen Bereichen beeinflusst. Für Betroffene bedeutet dies oft, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse und Fähigkeiten unterschätzen und sich stark an andere binden, selbst wenn diese Bindungen ungesund sind.
Die gute Nachricht: Mit geeigneter Psychotherapie, einem verständnisvollen Umfeld und kontinuierlicher Arbeit an Selbstvertrauen und Autonomie lassen sich deutliche Fortschritte erzielen. Jeder kleine Schritt in Richtung Eigenständigkeit ist dabei wertvoll und verdient Anerkennung.
Für Angehörige ist es wichtig, unterstützend, aber nicht überfürsorglich zu sein. Offene Kommunikation, gesunde Grenzen und die Bereitschaft, Hilfe von außen anzunehmen, können den Genesungsprozess entscheidend fördern.
Letztlich zeigt die Erfahrung: Die dependente Persönlichkeitsstörung ist behandelbar, und Menschen können lernen, stabile Beziehungen zu führen, ohne dabei ihre Selbstständigkeit aufzugeben.
Kleiner Reminder: Veränderung braucht Zeit – ob du betroffen bist oder jemanden begleitest. Sei geduldig mit dir selbst und feiere jeden Schritt, so klein er auch wirken mag. ♡
Quellen
American Psychiatric Association. (2022). Dependent personality disorder. In StatPearls [Internet]. StatPearls Publishing. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/books/NBK606086
Cuncic, A. (2024, May 10). Dependent personality disorder: Symptoms, causes, and treatment. Verywell Mind. https://www.verywellmind.com/dependent-personality-disorder-symptoms-causes-and-treatment-6544787
Disney, K. L., & Campbell, K. (2013). Dependent personality disorder: A critical review. Clinical Psychology Review, 33(8), 1184–1196. https://doi.org/10.1016/j.cpr.2013.10.001
Holland, K. (2024, February 8). Dependent personality disorder: Symptoms, causes, and treatment. Verywell Health. https://www.verywellhealth.com/dependent-personality-disorder-5193093
Uslu, N. E., & Aydin, R. (2024). Analysis of dependent personality disorder and family therapy. Journal of AcademicPerspective on Social Studies, 7(1), 143 152. https://www.researchgate.net/publication/378738940_Analysis_of_Dependent_Personality_Disorder_and_Family_Therapy
Bildquelle: https://www.pexels.com/de-de/foto/monochromes-foto-des-paares-das-hande-halt-1004014/





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