Moral ist keine Schuhcreme


Die Entwicklung der Moral

Wenn wir in diesen Tagen über moralisch korrektes Verhalten, oder über die Konsequenzen dessen nachdenken, haben wir alle schnell eine recht klare Vorstellung davon, was moralisch und was unmoralisch ist. Es gibt selbstverständlich Situationen, in denen das nicht so einfach ist. Über die Bewertung von Situationen hinsichtlich ihrer Moral und die Entstehung moralischer Prinzipien ist bereits an anderer Stelle breit referiert worden, damit wollen wir uns heute nicht beschäftigen.

Betrachtet man Menschen in ihrem Verhalten, kommt man schnell zu dem Schluss, dass sie a) unterschiedlich hinsichtlich ihrer Entscheidungen und b) folglich auch hinsichtlich einer wichtigen Instanz im Entscheidungsprozess, der moralischen Komponente sind. Soweit so basal. Hier springt einem quasi die Frage an, ob der Mensch in seinen moralischen Entscheidungen völlig autonom und individuell agiert, oder ob sich Muster zwischen Menschengruppen, speziell zwischen „Kulturen“ abzeichnen. Habt ihr euch sicher auch schon gefragt. Es sei eine (mehr oder minder) befriedigende Antwort geboten.



Was ist Kultur?

Bevor wir einen Kopfsprung in die Materie wagen, sei kurz vorweggenommen, dass das Wort „Kultur“ und die Abgrenzung verschiedener Kulturen voneinander ein ebenso heikles wie heiß diskutiertes Thema ist, dessen finale Antwort noch auf sich warten lässt. Zur Veranschaulichung sei die folgende Frage zum Nachdenken eingeworfen: Niemand würde bestreiten, dass es sich bei der Kultur Frankreichs und Italiens um zwei verschiedene Kulturen handele. Aber woran macht man diesen Unterschied fest? Was ist überhaupt die Definition einer Kultur? Wann unterscheiden sich Kulturen so stark, dass man von zwei verschiedenen Kulturen und nicht von Subkulturen sprechen kann? Die Beantwortung dieser Frage gleicht einem Kampf gegen die Medusa. Wo man dem Fragenpfuhl einen Kopf abschlägt, indem man eine Frage beantwortet, sprießen sofort zwei neue hervor.

Das Paper, mit dem sich dieser Artikel befasst, umgeht selbiges Problem recht galant, indem es zwei Kulturen vergleicht, die beim besten Willen nicht über einen Kamm zu scheren sind. Grundsätzlich ist es ein unfassbar elegantes und interessantes Stück Wissenschaft, welches sich wirklich zu lesen lohnt. Dazu aber später mehr.



Komplexes Thema – geniales Paper

Miller et al. Befassen sich in ihrem Paper „A cultural Psychologie of Agency: Morality, Motivation, and Reciprocity“ mit einem weiter gefassten Begriff der Fähigkeit sich in seiner gegebenen Umwelt zu verhalten, also selbstständig Entscheidungen zu treffen und sich autonom in sozialen Systemen zu bewegen, der sogenannten „Agency“. Diese erweiterte Definition, zur Erklärung moralischer Entscheidung entworfen, lässt eine ganze Reihe neuer Medusenköpfe entstehen, welche Miller et al. In ihrem Paper zu bekämpfen versuchen, um mal die Metapher etwas auszureizen. An diesem Paper will ich heute kulturelle Unterschiede hinsichtlich Moral beleuchten und aufzeigen, dass manche vermeintlich einfache Entscheidungsstrategien einen ganzen Rattenschwanz an Implikationen hinter sich herziehen.



Die Hydra bekämpfen

Eine erste Frage, die hier neu entstanden ist: Wie wird ganz grundsätzlich interpersonelle Moralität, also das moralisch (in-)korrekte Verhalten gegenüber anderen Personen gestaltet und gibt es hierbei kulturelle Unterschiede? Denn zum autonomen und sicheren Bewegen in einem sozialen System, gehört notwendigerweise der Einbezug der Interaktionspartner, sowie deren Ziele und Wünsche. Miller et al. beleuchten hier gezielt einen Aspekt: Hilft man, weil man sich dazu entscheidet („personal choice“), oder weil man muss („role-related duty“)? Dazu verglichen Miller et al. Angehörige der indischen und amerikanischen Kultur. Wie bereits erwähnt, zwei durchaus distinkte Kulturen.

In lebensbedrohlichen Situationen und bei Situationen die Familienmitglieder betreffen, gibt es keine kulturellen Unterschiede, man hilft weil man muss. Bei nicht akut lebensbedrohlichen Ereignissen zeigte sich jedoch interessanterweise, dass dieser verpflichtende Charakter zumindest in der Gruppe der Amerikaner empirisch variierte. Die wahrgenommene Verpflichtung zu helfen war abhängig von dem Schweregrad des Bedürfnis Dritter, der Rolle des Interaktionspartners (Geschwister, Peers, Fremde) und der Sympathie diesen gegenüber, sowie der Vereinbarkeit mit geltendem Recht. Miller et al. zogen daraus die Schlussfolgerung, dass die Bedürfnisse anderer und die damit verbundene moralische Komponente die persönliche Autonomie und Freiheit der handelnden Person beeinträchtigen und demzufolge gegen Eigeninteressen abgewogen werden. Platt ausgedrückt, nur weil man helfen kann, tut man es noch lange nicht und man kann helfen, sofern man denn will.

Ist helfen also Gift für die Selbstbestimmung und muss man, um persönliche Freiheit zu erfahren quasi über Leichen gehen?



Amerika – Land of the free?

Die nächste Frage, mit der sich Miller et al. befassten war, ob Amerikaner „verpflichtendes“ Helfen eher als Einschränkung der Selbstbestimmtheit auffassen als Inder. Herrschte eine hohe Erwartung an die amerikanischen Probanden, wurde das folgende Hilfeverhalten von der ausführenden Person als weniger befriedigend erlebt und es erfolgt bei der Investition eigener Ressourcen eine klare Kosten-Nutzen-Relation deren Kosten sich in verringerter Zufriedenheit äußern. Miller et al. erklären das mit dem bereits genannten Argument, es gebe eben eine gewisse wahrgenommene Bedrohung der Autonomie und Freiheit durch Erwartungen der anderen.

Besonders interessant war hier der Vergleich zu den indischen Probanden, für die sich solche wahrgenommenen Einschränkungen nicht zeigen ließen. Das zu entschlüsselnde Problem war, dass per Definition, Hilfeverhalten immer auf Kosten der Selbstbestimmung geht, die indischen Probanden, jedoch keine Einschränkung der Selbstbestimmung zeigten.

Millers These dazu ist, dass entgegen der Kosten-Nutzen-Relation der amerikanischen Probanden, die indischen intrinsisch motiviert waren, die Personen zu erfreuen, mit denen sie eng verbunden waren, also quasi eine Internalisation der sozialen Erwartung stattgefunden hatte. Aus dem externalen Anspruch des sozialen Umfelds, anderen zu helfen, war die Motivation der Person selbst, andere durch Hilfeverhalten zufriedenzustellen entwachsen. Man kann sich folglich eine gewisse Tendenz, Freude und Erfüllung beim helfen anderer zu empfinden kulturell aneignen.

Wir alle kennen das auch aus unserem täglichen Leben, es gibt kaum schöneres, als anderen aus einer intrinsischen Laune heraus zu helfen.



Hilfe um des Helfens willen

Wir fassen zusammen:

Wird von einem erwartet, anderen zu helfen („role-related duty“), passiert es schnell, dass man dies als Einschränkung der persönlichen Freiheit, ja sogar als Quell für Unzufriedenheit war nimmt. Intrinsische Motivation zu helfen hingegen wird nicht nur als belastungsfrei, sondern auch als Ressourcendepot und sogar zur Befriedigung eines Bedürfnisses wahrgenommen und genutzt.

Wie kommen nun also diese Unterschiede in der Wahrnehmung zwischen den Kulturen zustande? Warum kommen Inder und Amerikaner zu so vollkommen gegensätzlichen Einstellungen zum Helfen anderer?



Die Gretchenfrage der Hilfsbereitschaft

Hierfür bietet das Paper eine raffinierte Erklärung. Die Bewertung und das Erleben des Helfens ist abhängig von der sogenannten „Reziprozitätsnorm“ (ein wahrer Kracher beim Scrabble spielen“). Sie besagt ganz einfach, dass wenn mir jemand hilft, ich moralisch dazu verpflichtet bin, ihm/ihr auch zu helfen. Nun unterscheiden sich Amerikaner und Inder laut Miller in der Auslegung dieser Norm. Amerikaner würden diese Norm eher als Markt auslegen („reciprocal exchange norm“) getreu dem Motto: „wenn mir jemand hilft, entschädige ich ihn dafür entsprechend des Wertes der Tätigkeit, allerdings auf andere Weise“. Diese Auslegung birgt jedoch die Gefahr der Unsicherheit – wenn ich den Gegenüber entschädige, kaufe ich mich damit frei, kann also nicht sicher sein, dass mir zukünftig noch einmal geholfen wird. Andersherum gehe ich, wenn ich das Hilfeverhalten zeige, quasi in Vorkasse, weiß also nicht, ob mich der Gegenüber auch entschädigen wird. Die indischen Probanden hingegen legen die Norm eher als Gegenseitigkeit aus („communal norm of mutuality“), basierend auf der Annahme, dass sie, wenn sie auf die Bedürfnisse anderer eingehen, die Gewissheit erlangen, dass diese anderen auch auf ihre Bedürfnisse eingehen werden, egal, wer wie oft welche Bedürfnisse hat. Es ist hier also weniger auf das einzelne Event und viel weniger Kosten-Nutzen bezogen.



Und was soll das alles jetzt?

Es ist also durchaus möglich, aus so kleinen Aspekten, wie der Wahrnehmung von Hilfeverhalten und Erwartungen des Umfelds auf tiefgreifende und grundlegende Unterschiede im Verständnis von Reziprozität und Moralverhalten zu schließen und Theorien darüber zu bilden, wie kultureller Einfluss die Wahrnehmung und Bewertung jedes Einzelnen beeinflusst. Auch wenn wir heute nur einen verschwindend kleinen Teil der kulturellen Unterschiede von Moral und Ethik beleuchtet haben, kann man doch bereits an diesem Beispiel zeigen, wie verzweigt und komplex dieser Bereich ist. Nicht umsonst gelten Moral und Ethik als eine der höchsten Errungenschaften menschlichen Daseins.

Dieses, sehr komplexe, aber gleichsam interessante Thema war ein kleiner Einstieg in die Welt der kulturvergleichenden Psychologie. Es ist immer wieder spannend, wie stark die Unterschiede zwischen global bekannten, vermeintlich universellen Konzepten sind und wie tief diese in einer Kultur verankert sind.

Wenn ich jetzt mit diesem kleinen Ausflug euer Interesse an dem Phänomen der kulturvergleichenden Psychologie geweckt habe, habe ich euch mal einige Paper dazu in die Quellen gepackt.



Quellen