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AD(H)S im Erwachsenenalter



Allgemein:


ADHS und ADS – diese Abkürzungen sind vielen bekannt: Sie stehen für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und Aufmerksamkeitsdefizitstörung ohne Hyperaktivität. Die häufigste Form der Aufmerksamkeitsstörungen ist dabei ADHS - der sogenannte Mischtypus. Hierbei liegen sowohl deutliche Anzeichen von Hyperaktivität und Impulsivität als auch Probleme mit der Aufmerksamkeit vor.


Früher war die Ansicht weit verbreitet, dass sich die Störung mit zunehmendem Alter des Individuums "auswächst". Doch heute wissen wir, dass dies nicht der Fall ist. In Deutschland sind etwa 5,7 % der Kinder von AD(H)S betroffen, während 3,1 % der Erwachsenen unter dieser Störung leiden. Es ist wichtig zu verstehen, dass AD(H)S keine Kinderkrankheit ist, sondern sich oft bis ins Erwachsenenalter fortsetzt.


Die Ursachen von ADHS sind sehr vielschichtig. Zum einen spielen genetische Faktoren eine bedeutende Rolle bei der Entstehung dieser Störung. Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft Veränderungen in den Neurotransmittern des Gehirns, insbesondere auf der Ebene von Dopamin und Noradrenalin. Diese chemischen Botenstoffe sind maßgeblich an der Regulation von Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Motivation beteiligt.



Symptomatik:


Vorab ist es wichtig zu betonen, dass nicht alle Symptome zwangsläufig bei jedem einzelnen Betroffenen auftreten müssen.


Die Hauptsymptome von ADHS im Allgemeinen sind Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Diese Schlüsselmerkmale können jedoch im Erwachsenenalter verschiedene Facetten annehmen. Bei Erwachsenen stehen insbesondere Probleme mit der Aufmerksamkeit im Vordergrund. Diese Schwierigkeiten mit der Konzentration führen oft zu Kommunikationsproblemen, da es schwerfallen kann, Gesprächen angemessen zu folgen.

Impulsivität ist eine weitere Herausforderung, die sich bei Erwachsenen mit AD(H)S zeigt. Sie äußert sich in Verhaltensweisen wie dem unüberlegten Unterbrechen von Gesprächen, übermäßigem Ärger, Schwierigkeiten im Umgang mit Geld und einer gewissen Risikofreudigkeit.


Hyperaktivität, die bei Erwachsenen weniger offensichtlich ist als bei Kindern, kann sich dennoch durch auffällige Verhaltensweisen wie starkes Gestikulieren, häufige Positionswechsel beim Sitzen, Nägelkauen oder das Spielen mit kleinen Gegenständen manifestieren.


Die Desorganisation ist ein weiteres zentrales Merkmal, das häufig bei Erwachsenen mit AD(H)S auftritt. Betroffene haben Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen und Termine einzuhalten. Dies kann zu einer ständigen Unordnung führen.


Stimmungsschwankungen sind ebenfalls typisch, oft bedingt durch eine geringe Frustrationstoleranz und das Gefühl, aufgrund ständiger Misserfolge aufgrund der AD(H)S einen geringen Selbstwert zu haben. Dies kann zu einem explosiven Temperament führen, das ebenfalls oft mit geringem Selbstwertgefühl in Verbindung steht.


Im Erwachsenenalter ergeben sich aus diesen Symptomen häufig zusätzliche Probleme. Dazu gehören Tagträumerei, Flüchtigkeitsfehler, Handeln ohne nachzudenken, das Erledigen von Aufgaben nur unter Zeitdruck, ein zu hastiger oder zu langsamer Arbeitsstil, eine schlechte Zeiteinschätzung und -einteilung, sowie das Verlegen und Verlieren von Dingen.


Deshalb liegt bei erwachsenen Betroffenen oft der Fokus auf der Bewältigung der Aufmerksamkeitsproblematik, da diese eine Schlüsselrolle bei vielen dieser Herausforderungen spielt. Es ist entscheidend, geeignete Bewältigungsstrategien zu entwickeln und professionelle Hilfe in Betracht zu ziehen, um die Lebensqualität zu verbessern und den Alltag besser zu organisieren.



Ressourcen:


Menschen mit AD(H)S sind häufig wahre Meister:innen in der Entwicklung von Bewältigungsstrategien, um mit den Herausforderungen dieser Störung umzugehen. Dabei zeigen sich bei vielen von ihnen bemerkenswerte Ressourcen und Stärken, die oft übersehen werden. Es ist wichtig zu betonen, dass nicht alle der folgenden Punkte auf alle Betroffene zutreffen müssen. Vielmehr handelt es sich um typische Merkmale, die häufig bei Menschen mit AD(H)S beobachtet werden.

Hierzu zählen kognitive Besonderheiten, wie (Teilleistungs-)Hochbegabungen, Kreativität, eine rasche Auffassungsgabe, Reizoffenheit, Flexibilität im Denken, Spontaneität und Fähigkeit zur Improvisation.

Zu emotionalen und motivationalen Besonderheiten zählen dagegen Offenheit, Humor, Hyperfokussierung, Begeisterungsfähigkeit und Fähigkeit zu sportlichen Höchstleistungen.

Insgesamt zeigt sich, dass Menschen mit AD(H)S über eine beeindruckende Bandbreite an Ressourcen und Stärken verfügen. Diese positiven Eigenschaften können einen entscheidenden Beitrag zu ihrer Lebensqualität leisten und sollten keinesfalls unterschätzt werden.



Einhergehende Erkrankungen und Probleme:


AD(H)S kann nicht nur in Isolation betrachtet werden, sondern geht oft mit einer Vielzahl von anderen Erkrankungen und Problemen einher. Dies macht die Bewältigung der Störung oft noch komplexer. Zu den häufigsten Begleiterscheinungen von AD(H)S gehören:

  1. Affektive Störungen: Menschen mit AD(H)S haben ein erhöhtes Risiko für affektive Störungen wie Depressionen und Angststörungen. Die Herausforderungen, die mit AD(H)S einhergehen, können zu emotionalen Problemen führen, die eine umfassende Betreuung erfordern.

  2. Essstörungen: Einige Betroffene entwickeln Essstörungen, möglicherweise als Bewältigungsmechanismus, um mit den Schwierigkeiten im Zusammenhang mit AD(H)S umzugehen.

  3. Persönlichkeitsstörungen: Personen mit AD(H)S haben ein höheres Risiko, Persönlichkeitsstörungen zu entwickeln, die sich in problematischem Verhalten und zwischenmenschlichen Schwierigkeiten äußern können.

  4. Störungen des Sozialverhaltens: Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S können Störungen des Sozialverhaltens auftreten, die sich in antisozialem Verhalten, Regelverletzungen und Konflikten mit Autoritäten manifestieren.

  5. Substanzmissbrauch und Suchtverhalten: Aufgrund der Impulsivität, die oft mit AD(H)S einhergeht, sind Betroffene anfälliger für Substanzmissbrauch und andere Suchtprobleme. Dies kann zu erheblichen gesundheitlichen und sozialen Konsequenzen führen.

  6. Berufliche Schwierigkeiten und finanzielle Probleme: Die Desorganisation und Impulsivität im Zusammenhang mit AD(H)S können zu beruflichen und finanziellen Schwierigkeiten führen. Betroffene sollten gezielt Strategien entwickeln, um diesen Herausforderungen zu begegnen.

  7. Beziehungs- und Bindungsprobleme: AD(H)S kann sich auch auf zwischenmenschliche Beziehungen auswirken, da Kommunikationsprobleme, Schwierigkeiten mit der Aufmerksamkeit und Impulsivität die Interaktionen mit anderen erschweren können.

  8. Stress und Schlafprobleme: Der tägliche Umgang mit den Symptomen von AD(H)S kann zu anhaltendem Stress führen, was wiederum Schlafprobleme verursachen kann. Schlafmangel kann die Symptome von AD(H)S verschlimmern, was einen Teufelskreis in Gang setzen kann.

Die Bewältigung von AD(H)S erfordert daher oft eine ganzheitliche Herangehensweise, die sowohl die Hauptmerkmale der Störung als auch ihre Begleiterscheinungen berücksichtigt. Eine individuell angepasste Therapie, einschließlich medizinischer, therapeutischer und unterstützender Maßnahmen, kann dazu beitragen, die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und die Herausforderungen, die mit AD(H)S einhergehen, zu bewältigen.



Bekämpfung der Problematik:


Die Bewältigung der Herausforderungen, die mit AD(H)S einhergehen, erfordert eine umfassende Herangehensweise. Es gibt verschiedene Maßnahmen, die Betroffenen helfen können, ihre Symptome zu managen und eine bessere Lebensqualität zu erreichen.

In vielen Fällen kann die Einnahme von Medikamenten helfen, die Aufmerksamkeit zu steigern und die Impulsivität zu reduzieren. Dies ist oft die erste Wahl bei der Behandlung von AD(H)S, und sie kann erheblich zur Verbesserung der Symptome beitragen.Bei stark ausgeprägten Symptomen und insbesondere wenn AD(H)S mit anderen Problemen einhergeht, kann professionelle Hilfe in Form von Therapie notwendig sein. Die kognitive Verhaltenstherapie und andere therapeutische Ansätze können dabei helfen, Bewältigungsstrategien zu entwickeln und die Symptome zu managen.



Individuelle Übungen:


Eine wichtige Komponente bei der Bewältigung von AD(H)S ist die Selbstreflektion. Eine passende Übung hierfür wäre der Fokus auf die eigenen Ablenkungs-Förderer und Aufmerksamkeits-Halter: Unter welchen Bedingungen fällt es dir schwer, die Aufmerksamkeit auf einer bestimmte Aufgabe oder Person zu halten? Diese Bedingungen nennen wir "Ablenkungs-Förderer". Umgekehrt, unter welchen Bedingungen kannst du dich gut auf etwas konzentrieren, Inhalte oder Aufgaben merken, Gesprächen richtig folgen und ganz "bei der Sache" bleiben? Diese Bedingungen bezeichnen wir als "Aufmerksamkeits-Halter". Versuche in den nächsten Wochen, deine Ablenkungs-Förderer zu reduzieren oder ganz abzustellen und Bedingungen zu schaffen, unter denen du besonders gut bei einer Aufgabe oder Person bleiben kannst.


Menschen mit AD(H)S profitieren oft von klaren Planungstechniken und der Schaffung von Struktur und Ordnung in ihrem Alltag. Helfen können hier zum Beispiel Tagespläne. Nimm dir hierfür morgens oder am Vorabend einige Minuten Zeit. Schreibe eine Liste der Aufgaben und Verpflichtungen, die du an diesem Tag erledigen möchtest. Priorisiere hierbei Aufgaben, die am wichtigsten sind und plane Zeitfenster für jede Aufgabe ein. Für mehr Ordnung könntest du dir vornehmen, einen bestimmten Bereich deines Zuhauses aufzuräumen. Konzentriere dich hierbei nur auf diesen Bereich. Wenn es hierbei nötig sein sollte, sich von Gegenständen zu trennen, kannst du die 3-Kisten-Methode verwenden: Eine für Dinge, die du behalten möchtest, eine für Dinge, die du wegwerfen möchtest, und eine für Dinge, die du spenden oder weitergeben möchtest.


Auch Achtsamkeitstrainings können helfen, die Aufmerksamkeit zu steuern und Stress zu reduzieren. Weitere Informationen zu Achtsamkeit findest du unter Anderem in unserem Artikel zum Thema Stress.


Aufgrund der Impulsivität sagen Betroffene oft vorschnell zu verschiedenen Dingen zu, was zu Überlastung führen kann. Deswegen kann es ebenfalls wichtig sein, vor sozialen Entscheidungen eine längere Bedenkzeit zu nutzen und auch mal Nein zu sagen.


Sport und ausreichend Schlaf: Sport und ausreichender Schlaf sind wirksame Methoden, um den Körper zu entspannen und zu regenerieren. Regelmäßige Bewegung und ausreichender Schlaf können dazu beitragen, die Symptome von AD(H)S zu lindern und das Wohlbefinden zu steigern.


Insgesamt ist die Bewältigung von AD(H)S ein individueller Prozess, der eine Kombination aus medizinischer Behandlung, therapeutischer Unterstützung und persönlichem Management erfordert. Mit den richtigen Strategien und der nötigen Unterstützung können Betroffene lernen, die Herausforderungen, die mit AD(H)S einhergehen, zu meistern und ein erfülltes Leben zu führen.


Quellen

D’Amelio, R., Retz, W., Philipsen, A., & Rösler, M. (2021). ADHS im Erwachsenenalter: Strategien und Hilfen für die Alltagsbewältigung. Greiner, A., Langer, S., & Schütz, A. (2012). Stressbewältigungstraining für Erwachsene mit ADHS. In Springer eBooks. https://doi.org/10.1007/978-3-642-25802-2 Horlitz, T., & Schütz, A. (2015). ADHS: Himmelweit und unter Druck. In Springer eBooks. https://doi.org/10.1007/978-3-662-44404-7 Ridinger, M. (2016). ADHS und Sucht im Erwachsenenalter. Kohlhammer.




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