Resilienz -
was macht Menschen stark?
Es gibt Begriffe, die so oft benutzt werden, dass sie irgendwann ihre Kontur verlieren. Resilienz ist so einer geworden. Auf Werbeplakaten, in Ratgeberregalen, in Stellenausschreibungen, in Achtsamkeits-Apps. Überall verspricht uns jemand, wir könnten "resilienter" werden, als wäre das eine Fähigkeit, die man wie eine Vokabel lernt. Manche kennen das Wort gar nicht, viele andere können es schon nicht mehr hören.
Genau deshalb lohnt es sich, einen Schritt zurückzutreten. Denn hinter dem abgegriffenen Etikett steckt eine Idee, die alles andere als banal ist – mit einer überraschenden Herkunft, klugen Köpfen und durchaus berechtigten Kritikern. Wir möchten beides: denen, die mit dem Begriff nichts anfangen können, einen Einstieg geben, und denen, die ihn für ausgelutscht halten, einen neuen Blickwinkel anbieten.
Vom Werkstoff zum Menschen
Das Wort stammt ursprünglich nicht aus der Psychologie, sondern aus der Werkstoffkunde. Es kommt vom Lateinischen resilire, "zurückspringen". In der Physik beschreibt Resilienz die Fähigkeit eines Materials, nach einer Verformung durch Druck wieder in seine ursprüngliche Form zurückzukehren. Ein Stück Stahl, das sich biegt aber nicht bricht. Ein Gummiband, das sich dehnt und zurückschnellt.
Stellen wir uns einen Ball vor, der gegen eine Wand geworfen wird. Im Moment des Aufpralls wird er flach gedrückt, verbeult, gestaucht. Und doch findet er auf dem Weg zurück zum Werfenden wieder in seine runde Form. Der Aufprall hinterlässt eine Delle, aber die Delle ist nicht von langer Dauer. Das ist das Bild, das die Psychologie sich von der Materialkunde geliehen hat: nicht die Abwesenheit von Druck, sondern die Fähigkeit, nach dem Druck wieder zu sich zu kommen.
Wichtig ist dabei eine Feinheit, die das Bild fast schon sprengt: Anders als der Ball kehrt der Mensch nicht in exakt dieselbe Form zurück. Wer eine Krise durchlebt, ist danach selten genau derselbe wie vorher. Resilienz ist insofern kein Zurückfedern in einen unveränderten Zustand, sondern ein Wiederfinden von Form, die sich aber auf dem Weg durchaus wandeln darf.
Die Mutter der Resilienzforschung: Emmy Werner und die Insel Kauai
Dass aus einem physikalischen Begriff ein psychologisches Forschungsfeld wurde, verdanken wir vor allem einer Frau: Emmy Werner, geboren 1929 in Deutschland, erlebte eine von den Wirren des Zweiten Weltkrieges geprägte Kindheit. Diese eigene Erfahrung prägte ihre Forschungsfrage. Heute wird sie oft die "Mutter der Resilienzforschung" genannt.
698 asiatische und polynesische Kinder, die im Jahr 1955 auf der Insel Kauai geboren wurden, wurden über 40 Jahre lang begleitet. Werner und ihr Team untersuchten einen kompletten Geburtsjahrgang der hawaiianischen Insel über vier Jahrzehnte hinweg, mit Erhebungen in verschiedenen Lebensaltern. Etwa ein Drittel dieser Kinder wuchs unter sehr schwierigen Bedingungen auf: Armut, Krankheit oder Suchtmittelmissbrauch der Eltern, Vernachlässigung, häusliche Gewalt, ein zerrüttetes Zuhause.
Die ursprüngliche Erwartung war düster und für zwei Drittel dieser Risikogruppe bestätigte sie sich auch: Sie wurden als Jugendliche auffällig, gerieten in Konflikt mit dem Gesetz oder entwickelten psychische Probleme. Doch das eigentliche Bemerkenswerte war das verbleibende Drittel. Bei diesem Drittel der Risikogruppe stellten Werner und Smith fest, dass sie sich im Gegensatz zu den zwei Dritteln der anderen Kinder trotz der hohen Risikobelastung gut entwickelten und keine Verhaltensauffälligkeiten zeigten. Sie konnten tragfähige Beziehungen eingehen, blickten optimistisch nach vorn und fanden eine Arbeit, die sie erfüllte.
Die entscheidende Frage lautete also nicht mehr nur: „Was macht Menschen krank?“ Sondern: „Was hält manche gesund, obwohl alles gegen sie spricht?“. Werners Antwort war keine Liste von Wundermitteln, sondern ein Zusammenspiel von Schutzfaktoren. Einer dieser Faktoren stach besonders heraus. Besonders förderlich sei zumindest eine enge Bezugsperson, die sich liebevoll um sie kümmerte und auf ihre Bedürfnisse reagierte, die Grenzen setzte und Orientierung bot.
Dieser Befund ist gerade für Angehörige psychisch erkrankter Menschen von Bedeutung: Resilienz entsteht selten allein. Sie wächst in Beziehung. Jemand, der zugewandt bleibt, kann für einen anderen Menschen zum entscheidenden Schutzfaktor werden.
Resistenz, Regeneration und Konfiguration
Der Resilienzbegriff hat sich in den letzten Jahren immer wieder stark gewandelt. Im Laufe der Zeit haben sich Bilder und Symbole rund um das Konzept gebildet, die das Prinzip verdeutlichen sollen. Ein bekanntes Bild, welches zunehmend von neueren Definitionen abgelöst wird, ist die Teflon-Beschichtung einer Pfanne, an der Öl und Wasser abperlen und die davor schützt, dass sich langfristig Lebensmittelreste in die Oberfläche fressen. Andere Auffassungen zeigen Bilder von Segelschiffen, deren Segel man entsprechend des Windes setzen kann, während man den Wind selbst nicht zu beeinflussen vermag.
Eine weitere Metapher macht sich das Bild eines Baumes zunutze, über den ein Unwetter hinwegfegt. Hier werden drei verschiedene Begriffe verwendet, um Resilienz als dynamischen, flexiblen Prozess zu verdeutlichen. Der Baum ist resistent, wenn er dem Sturm unbeschadet trotzen kann. Übertragen auf den Menschen bedeutet das, dass unser psychisches Wohlbefinden aufrechterhalten werden kann, trotz belastender Situationen. Von Regeneration wird gesprochen, wenn der Baum sich biegt und während des Sturms Blätter und Äste verliert, welche allerdings im Laufe der Zeit nachwachsen. Genau wie der Baum, kann der Mensch nach einer Auseinandersetzung mit Unsicherheit oder Belastung regenerieren und sich weiterentwickeln. Kommt der Sturm immer wieder von einer Seite, wird sich der Baum früher oder später an die Gegebenheiten anpassen und Blätter und Äste werden nur noch auf einer Seite wachsen. Diese Reaktion auf belastende Ereignisse wird Konfiguration genannt. Genauso können wir unsere Einstellungen und unsere Haltung verändern. Resilienz ist also kein starres, klar definiertes Merkmal, sondern vielmehr ein Prozess zum ressourcenschonenden Aufbau passender Schutzfaktoren.
Viktor Frankl: Resilienz, bevor es das Wort gab
Während Emmy Werner Kinder beobachtete, hatte ein Wiener Psychiater die Idee dahinter schon am eigenen Leib durchlebt. In diesem Zusammenhang wird Frankl immer wieder in der aktuellen Literatur mit dem Resilienz-Begriff in Zusammenhang gebracht, obwohl er selbst den Begriff nie verwendete.
Viktor Frankl überlebte mehrere nationalsozialistische Konzentrationslager, darunter Auschwitz. In dieser Erfahrung machte er eine Beobachtung, die zum Kern seiner späteren Logotherapie wurde: Im Konzentrationslager beobachtete Frankl, welche Menschen die unmenschlichen Bedingungen am besten überstanden. Es waren nicht unbedingt die körperlich Stärksten oder die Intellektuellsten. Es waren jene, die trotz allem einen Sinn sahen oder sich ein Ziel für die Zeit nach der Befreiung setzten.
Frankl prägte dafür einen Ausdruck, der bis heute Anwendung findet: die Trotzmacht des Geistes. Gemeint ist die Fähigkeit des Menschen, sich zu seinen körperlichen und seelischen Zuständen verhalten zu können, statt ihnen einfach ausgeliefert zu sein. Frankl unterschied dafür drei Dimensionen des Menschen, Körper, Psyche und Geist, und verortete im Geistigen jenen Bereich, der sich auch unter Druck eine innere Freiheit bewahren kann.
Eine Metapher aus seinem Umfeld macht das greifbar: Ein Boxer, der monatelang trainiert hat, spürt kurz vor dem Kampf, wie sein Körper rebelliert. Es kommt zu Übelkeit, Zittern, und Angst, die ihm seine Psyche einzuflüstern versucht. Steigt er trotzdem in den Ring, dann ist da etwas in ihm, das weder Körper noch reine Stimmung ist. Jene Instanz, die trotzdem kämpfen möchte. Frankl fasste den Gedanken in einem vielzitierten Satz von Nietzsche zusammen: „Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“
Damit ergänzt Frankl das Bild vom Ball um eine zweite Ebene. Resilienz ist nicht nur Material, das zurückfedert. Sie hat auch mit Sinngebung zu tun, also mit der Frage: „Warum hält jemand diese Delle überhaupt aus?“.
Kein Allheilmittel: die Kritik an der Resilienz
Hier könnte die Geschichte nach einer einfachen Erklärung und den vielen guten Seiten der Resilienzforschung enden. Doch genau das wäre zu einfach, und es würde dem Begriff seine ernstzunehmenden Kritiker unterschlagen. Denn das, was Resilienz für viele heute "ausgelutscht" macht, ist nicht der Begriff selbst, sondern wie er verwendet wird.
Aus soziologischer und psychologischer Sicht gibt es einen handfesten Einwand. Kritiker wie Klaus Ottomeyer oder Thomas von Freyberg sehen in der allgegenwärtigen Verwendung des Resilienzbegriffs einen Hinweis auf die Tendenz zur Individualisierung gesellschaftlicher Risiken und zur Privatisierung sozialer Verantwortung. Das bedeutet, wenn jeder einfach nur "resilient genug" sein müsste, dann sind an Überlastung, Erschöpfung oder Krisen letztlich die Einzelnen selbst schuld, und nicht etwa die Verhältnisse, die sie überfordern.
Die Soziologin Stefanie Graefe hat diese Kritik in ihrem Buch „Resilienz im Krisenkapitalismus“ zugespitzt. Sie beschreibt, warum Resilienz als Leitbegriff eines krisenhaften Kapitalismus verstanden werden kann, der seine Krisen auf die Individuen abwälzt. Es gibt sogar eine treffende Formel für diese Verschiebung: Aus gelungener Anpassung trotz widriger Umstände wird unmerklich Anpassung an die widrigen Umstände. Die schwierigen Bedingungen, beispielsweise ausgelöst durch strukturelle politische, gesellschaftliche oder wirtschaftliche Missstände, werden nicht mehr verändert, sondern als Dauerzustand hingenommen, an den man sich zu gewöhnen hat.
Diese Kritik ist wichtig, gerade in einem Feld wie der Angehörigenbetreuung. Denn sie schützt vor einem gefährlichen Missverständnis. Resilienz ist keine Bringschuld. Es wäre zynisch, einem überlasteten Angehörigen zu sagen, er müsse nur "resilienter werden", während die strukturellen Belastungen, zum Beispiel fehlende Entlastung, unzureichende Versorgung, soziale Isolation, unangetastet bleiben.
Passend zum Thema „strukturelle Belastung“ taucht außerdem oftmals die Kritik auf, Resilienz sei ein Mittel, um sich im System einen bloßen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Es wird als „Egozentrik förderndes Selbstoptimierungstool“ betrachtet, das uns noch produktiver, noch stressresistenter und noch fähiger machen soll, um enormen Druck auszuhalten. Das Bild einer völligen Selbstkontrolle wird zu Recht immer schärfer kritisiert. Dabei gibt es kein authentisches Leben, ohne Gefühle, Verletzlichkeit und potenziellen Schmerz. Der Sinn hinter Resilienz ist es nicht, für sich selbst optimal und unbesiegbar zu werden und nichts mehr zu fühlen, sondern vielmehr der Aufbau eines sicheren Netzes aus sozialen Kompetenzen, Empathie, Selbstregulationsfähigkeit und dem Akzeptieren und Normalisieren der eigenen Bedürfnisse und Emotionen, ohne unter ihnen zusammenzubrechen.
Unser Verständnis von Resilienz: Vorschläge & Denkanstöße
-
Resilienz nicht als Charaktermerkmal, sondern als Prozess. Niemand "hat" Resilienz von Anfang an. Sie entsteht und verändert sich über die Zeit. Das bedeutet, dass es nie zu spät ist. Auch im Erwachsenenalter können neue Beziehungen und Erfahrungen Resilienz aufbauen.
-
Resilienz ist kein Einzelsport. Werners zentraler Befund war eine verlässliche Bezugsperson. Widerstandskraft wächst in tragfähigen Beziehungen, nicht in heroischer Selbstoptimierung. Sich selbst Unterstützung zu holen, ist also kein Versagen, sondern genau der Mechanismus, der Resilienz überhaupt erst ermöglicht.
-
Resilienz ist keine Aufforderung, sich mit dem Unzumutbaren abzufinden. Laut Frankl geht es um die Freiheit, sich gegeben den Umständen zu verhalten, nicht darum, jede Last einfach hinzunehmen. Manchmal ist der resiliente Schritt gerade nicht das Aushalten, sondern das Verändern. Also um Hilfe zu bitten, Grenzen zu setzen, Druck nach außen zu tragen, statt ihn nur runterzuschlucken.
Quellen
Frankl, V. E. (1982). Ärztliche Seelsorge. Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse.
Frankl, V. E. (1946/2022**).** „...trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager.“
Reichhart & Pusch (2023), „Resilienz-Coaching. Ein Praxismanual zur Unterstützung von Menschen in herausfordernden Zeiten“.
Werner, E. E. (1993). Risk, resilience, and recovery: Perspectives from the Kauai Longitudinal Study. Development and Psychopathology, 5(4), 503–515.
Werner EE. Vulnerable but invincible: high-risk children from birth to adulthood. Acta Paediatr 1997; Suppl422: 103-5. Stockholm. ISSN 0803-5326












