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Leben im Gefühlschaos: Wie hältst du jemanden, der sich selbst nicht halten kann?

  • 27. Mai
  • 5 Min. Lesezeit

Was du als Angehörige über die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung wissen solltest.



Du kennst dieses Gefühl wahrscheinlich gut: Ein Moment läuft gut, und im nächsten ist alles anders. Heftiger Streit, dann wieder Nähe. Tiefe Erschöpfung auf deiner Seite, und gleichzeitig das Gefühl, irgendwie standhalten zu müssen. Wenn bei einem Menschen, den du liebst, eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung (EIPS) vorliegt, ist das oft genau diese Erfahrung. Täglich. Sie entsteht, weil diese Erkrankung tief in die Art eingreift, wie Gefühle wahrgenommen, verarbeitet und ausgedrückt werden. Dieser Artikel soll dir helfen, besser zu verstehen, was hinter der Diagnose steckt. Damit das, was du erlebst, einen Namen bekommt.


Was steckt hinter der Diagnose?


Die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung ist eine tiefgreifende Erkrankung der Emotions- und Impulskontrolle. Im internationalen Klassifikationssystem ICD-10 wird sie unter F60.3 geführt, mit zwei Unterformen, die sich in ihrem Schwerpunkt unterscheiden.


Impulsiver Typ (F60.30)


Hier stehen plötzliche Gefühlsausbrüche, ausgeprägte Reizbarkeit und eine geringe Frustrationstoleranz im Vordergrund. Betroffene handeln häufig unüberlegt, besonders unter emotionalem Stress. Wutausbrüche, aggressives Verhalten oder selbstgefährdendes Verhalten können auftreten, oft ohne klar erkennbaren Auslöser.

Beim impulsiven Typ fehlen meist die stark ausgeprägten Identitätsprobleme oder

Beziehungskrisen, die den Borderline-Typ kennzeichnen. Die emotionale Instabilität zeigt sich eher als unmittelbare Reaktion auf Frustration oder Provokation.


Borderline-Typ (F60.31)


Der Borderline-Typ ist die bekanntere Variante. Neben emotionaler Impulsivität treten ausgeprägte Identitätsunsicherheiten, ein chronisches Gefühl innerer Leere und intensive Angst vor dem Verlassenwerden auf. Beziehungen schwanken stark: zwischen Idealisierung und Abwertung, zwischen »du bist alles für mich« und »du hast mich verlassen«, manchmal innerhalb weniger Stunden.


Selbstverletzendes Verhalten und Suizidgedanken können vorkommen. Als Ausdruck tiefen emotionalen Schmerzes. Das zu verstehen ist schwer. Und es macht trotzdem einen großen Unterschied.


Was beide Typen gemein haben:


Impulsivität: überstürztes Handeln, manchmal selbstgefährdendes Verhalten Affektive Instabilität: Gefühle wechseln schnell und heftig Erhöhte Reizbarkeit, besonders beim impulsiven Typ Gestörtes Selbstbild und Leere, vor allem beim Borderline-Typ Instabile Beziehungen mit Wechsel zwischen Idealisierung und Abwertung Starke Verlassenheitsängste und Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung Eine klare Diagnose braucht immer eine umfassende klinische Einschätzung.


Selten allein: Begleiterkrankungen


Bei der EIPS, besonders beim Borderline-Typ, kommen häufig weitere psychische Erkrankungen dazu. Das ist eher Regel als Ausnahme. Und es erklärt, warum die Situation für dich manchmal so unübersichtlich wirkt: weil sie es tatsächlich ist.


Häufig auftreten können:

  • Depressionen und Dysthymie

  • Angststörungen, Panikstörungen, soziale Phobie

  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), besonders bei traumatischem Hintergrund

  • Essstörungen

  • Substanzkonsumstörungen

  • Dissoziative Störungen


Für eine wirksame Behandlung ist deshalb immer eine differenzierte Diagnostik entscheidend: Was ist primär, was hat sich reaktiv entwickelt?


Was dein erkrankter Angehöriger innerlich erlebt


Was von außen oft wie Überreaktion wirkt, fühlt sich von innen ganz anders an. Viele Menschen mit EIPS beschreiben sich als emotional überflutet. Gefühle kommen plötzlich, heftig, überwältigend. Und es gibt keinen Schalter, den man einfach umlegen kann. 


Aus Betroffenenperspektive klingt das so:


»Ich weiß oft nicht, wer ich bin oder was ich wirklich will.«


»Meine Emotionen kippen innerhalb von Sekunden: von Liebe zu Wut, von Euphorie zu Leere.«


»Ich weiß, dass mein Verhalten übertrieben wirkt. Aber in dem Moment kann ich nicht anders.«


»Schon ein falscher Blick kann sich anfühlen wie ein Stich ins Herz.«


»Es fühlt sich an wie Kontrollverlust von innen.«


Diese innere Not wird von außen oft nicht gesehen oder als Überempfindlichkeit abgetan. Dabei kämpfen Betroffene täglich damit, sich selbst nicht zu verlieren. Das ist erschöpfend. Für sie. Und für dich. 


Du musst das nicht vollständig verstehen, um mitfühlend zu bleiben.


Wie entsteht eine EIPS?


Persönlichkeitsstörungen entstehen aus einem Zusammenspiel mehrerer Faktoren, über einen langen Zeitraum. Das biosoziale Modell nach Marsha Linehan beschreibt drei ineinandergreifende Ebenen:


  • Frühe Traumatisierungen: Emotionale Vernachlässigung, inkonsistente Erziehung, Missbrauch oder fehlende verlässliche Bindung in der Kindheit.

  • Biologische Vulnerabilität: Eine angeborene emotionale Empfindsamkeit, die dazu führt, auf Stress überaktiv zu reagieren.

  • Invalidierende Umwelt: Wenn emotionale Bedürfnisse als übertrieben abgetan oder ignoriert werden, lernen Kinder nicht, ihre Gefühle zu regulieren. Es entstehen destruktive Muster wie Rückzug, Wut oder Selbstverletzung.


Niemand entscheidet sich für eine EIPS. Das zu wissen, verändert manchmal den Blick auf das, was man täglich erlebt.


Therapie: Veränderung ist möglich


Lange galt die EIPS als kaum behandelbar. Das hat sich grundlegend verändert. Heute zeigen zahlreiche Studien, dass gezielte psychotherapeutische Verfahren echte, nachhaltige Verbesserungen ermöglichen. Das ist eine der wichtigsten Informationen in diesem Artikel.


Bewährte Therapieansätze


  • Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT): Speziell für den Borderline-Typ entwickelt, aber auch beim impulsiven Typ hochwirksam. Sie fördert Emotionsregulation, Achtsamkeit, soziale Kompetenzen und Krisenhandlungsfähigkeit.

  • Schematherapie: Bearbeitet tief verankerte, dysfunktionale Denkmuster. Besonders hilfreich bei Beziehungsthemen und wiederkehrenden inneren Konflikten.

  • Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT): Hilft, Gedanken, Gefühle und Handlungen bei sich selbst und anderen besser zu verstehen.


Ergänzend, besonders beim impulsiven Typ


  • Impulskontrolltraining: Bewusstes Innehalten zwischen Reiz und Reaktion, Entwicklung alternativer Verhaltensweisen.

  • Achtsamkeitstraining: Stärkt Selbstwahrnehmung und emotionale Distanzierungsfähigkeit.

  • Soziale Kompetenztrainings: Verbesserung von Konfliktverhalten und Frustrationstoleranz.


Medikamentöse Unterstützung kann ergänzend sinnvoll sein, etwa bei begleitenden Depressionen oder ausgeprägter Reizbarkeit. Sie begleitet die Psychotherapie, ersetzt sie aber nicht.


Das Ziel ist es, mit Gefühlen besser umgehen zu können, sich selbst und andere differenzierter wahrzunehmen und ein stabileres, selbstbestimmteres Leben zu führen. Viele Betroffene erleben durch langfristige therapeutische Begleitung deutliche Fortschritte: in Beziehungen, im Alltag, im Umgang mit Krisen.


Und du? Was hilft dir als Angehörige? 


Du trägst gerade viel. Wahrscheinlich schon länger, als du zugibst. Wenn jemand, den du liebst, von einer EIPS betroffen ist, kann das belastend, verwirrend und manchmal auch tief verletzend sein. Das anzuerkennen ist wichtig.


Was du wissen solltest:


  • Das Verhalten des erkrankten Menschen richtet sich meist nicht gegen dich. Es ist Ausdruck innerer Not.

  • Grenzen setzen ist erlaubt. Auch wenn es sich nach Verrat anfühlt, ist es notwendig. Für dich und letztlich auch für die Beziehung.

  • Du darfst dir Unterstützung holen: in Angehörigengruppen, durch Psychoedukation oder eigene therapeutische Begleitung.


Was im Alltag helfen kann:


  • Klar und berechenbar bleiben, aus Überzeugung statt aus Angst

  • Auf Eskalationen ruhig reagieren, ohne Konfrontation zu suchen

  • Verbindlichkeit und Struktur fördern

  • Verständnis für das Gefühl zeigen, auch wenn das Verhalten schwer zu akzeptieren ist

  • Dir selbst Hilfe holen. Du musst das nicht alleine tragen. 


Menschen, keine Diagnosen


Menschen mit einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung sind oft besonders feinfühlig und verletzlich. Voller Sehnsucht nach Verbundenheit, Sicherheit und innerer Ruhe. Die Diagnose erklärt das Verhalten. Sie ist keine Entschuldigung. Aber sie ist ein Anfang. Und du, als Angehörige, verdienst genauso viel Verständnis. Für das, was du täglich leistest. Für die Erschöpfung, die niemand sieht. Für die Liebe, die du trotzdem nicht aufgibst. 


Veränderung ist möglich. Und Hoffnung auch.


Quellen

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Bildquelle: https://www.magnific.com/free-vector/social-change-abstract-concept-vector-illustration-human-relationships-social-justice-behavior-public-demonstration-collective-protest-shout-megaphone-change-innovation-abstract-metaphor_11663910.htm



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