"Dein Schmerz hat dich stärker gemacht"


Aussagen wie „Alles passiert aus einem Grund“ oder „Dein Schmerz macht dich stärker“ zielen in aller Regel darauf ab, Menschen zu unterstützen, die belastende Erfahrungen gemacht haben. Doch die dahinter steckenden Annahmen und dadurch vermittelten Erwartungen können bei Betroffenen das genaue Gegenteil auslösen.



Disclaimer: Die in diesem Artikel verwendeten Begriffe „belastend“ und „traumatisch“ sind nicht gleichzusetzen. Die folgenden Ausführungen gelten sowohl für traumatische als auch belastende Erfahrungen.

Belastende oder traumatische Erlebnisse gehen häufig damit einher, dass wir uns machtlos fühlen und versuchen, dem Verlust und den Trümmern einen Sinn zu geben. Die Suche nach Sinn und Bedeutung sind Teil des Trauerprozesses, der uns hilft, unseren Schmerz zu verarbeiten. Auch von außen werden diese Suche nach einem Warum oder Wofür häufig verstärkt. Worte wie „Alles passiert aus einem Grund“ oder „Deine Erfahrung lässt dich nur wachsen“ sind ein Versuch, Betroffenen zu helfen und dabei zu unterstützen, ihren Schmerz zu lindern. Wir wollen etwas Positives sagen und Hoffnung geben. Doch welche Auswirkungen können die gesellschaftlich weit verbreiteten Annahmen, dass alles aus einem Grund passiere und unser Schmerz uns stärker werden lasse, auf Betroffene haben?


Belastende Erfahrungen sind vor allem eins – belastend. Die Suche nach einem Grund kann Betroffenen signalisieren, dass es okay war, was passiert ist. Dass es einen Sinn hatte und sie diesen Sinn auch sehen sollten. Dabei muss nicht alles aus einem Grund passieren und für Betroffene einen Sinn ergeben. Die Betroffenen von belastenden Erlebnissen haben es nicht verdient, Schmerz zu erfahren. Der Tod eines geliebten Menschen, der Verlust eines Arbeitsplatzes, die Pandemie – all dies sind schmerzhafte Erfahrungen und es ist okay, wenn diese keinen Sinn für uns haben. Ein solcher Verlust ist keine Prüfung, keine Lektion und nichts, das uns zwangsläufig stärker machen muss. Eine Bedeutung kann danach in uns und unserem Umgang damit liegen, aber sie liegt nicht in dem Ereignis selbst.


Es ist okay, zu sagen, dass dein Schmerz dich stärker gemacht hat. Belastende oder traumatische Ereignisse können zu persönlichem Wachstum, gestärkten Beziehungen oder einer klareren Vorstellung davon führen, was uns im Leben wichtig ist. Das heißt aber nicht, dass diese gewonnene Entwicklung den erfahrenen Schmerz relativiert oder das Wachstum das Trauma wert war. Viele Menschen würden all diese positiven Entwicklungen sofort wieder aufgeben, wenn sie ein einschneidendes Erlebnis dafür ungeschehen machen könnten.


Genauso okay ist es, wenn deine belastende Erfahrung nichts als Schmerz gebracht hat. Schmerz muss dich nicht stärker machen oder zu dem, was du bist. Er ist vor allem eins: schmerzhaft. Er tut weh und darf das auch. „Dein Schmerz hat dich stärker gemacht“ kann bei Betroffenen zu dem Gefühl führen, sie müssten etwas Positives aus den belastenden Erfahrungen ziehen oder sogar dankbar sein. Eine solche Annahme oder Aussage kann den Schmerz, den eine belastende Erfahrung mit sich bringt herunterspielen und dazu führen, dass sich die Betroffenen invalidiert fühlen. Außerdem kann es den Druck auslösen, sich subjektiv stärker fühlen zu müssen. Möglicherweise möchte eine Personen gerade aber gar nicht stark sein, sondern in ihrem Schmerz gesehen werden.

Wichtig ist auch, dass es nicht der Schmerz oder das Trauma sind, die eine Person stärker machen, sondern die Person selbst.


Sowohl die Suche nach einem Sinn als auch das Hervorheben dessen, was schmerzhafte Erfahrungen positives mit sich bringen, können zu dem Gefühl führen, dass negative Emotionen nicht berechtigt seien. Dadurch fühlen sich Betroffene möglicherweise noch schlechter, da sie sich zusätzlich zu ihrem Schmerz auch noch für diesen verurteilen. Anstatt zu versuchen, den Schmerz einer Person zu nehmen, kann es hilfreich sein, einen Raum zu bieten, in dem ihr Schmerz akzeptiert wird und gefühlt werden darf.


Es ist okay, wenn unser Schmerz uns stärker macht. Es ist okay, wenn er keinen Sinn für uns hat und uns wir ihm nichts Positives abgewinnen können. Was nicht okay ist, ist die Übertragung deiner Sichtweisen auf Traumata/Schmerz auf andere. Wir sollten keine Annahmen darüber treffen, welche Auswirkungen belastende Ereignisse auf andere haben. Denn solche Erwartungen können den Umgang der Betroffenen mit ihrem Schmerz zusätzlich erschweren. Stattdessen sollten wir zuhören und akzeptieren: Unsere Gefühle dürfen einfach sein.



Quelle

Trait, V. When Trauma Isn’t Worth the Post-Traumatic Growth. Mass shootings have no silver lining, only suffocating grief. 26.05.2022.