Affirmationen im Rahmen toxischer Positivität


Wer im Internet nach den Schlagwörtern „Affirmationen“ oder „positive Glaubenssätze“ sucht, wird von ellenlangen Listen mit Sätzen zum Thema Selbstliebe, Tipps zum Glücklich werden und Wegen zum Erfolg erschlagen. In einer Gesellschaft, in der das Streben nach Glück einen so hohen Stellenwert einnimmt und eine positive Mentalität mit Stärke und Erfolg konnotiert ist, stoßen Artikel wie diese auf großes Interesse. Aber ist die Funktionsweise von Affirmationen wirklich so simpel?

Ein kleines Experiment: „Ich bin stark, ich kann alles schaffen.“ Schließe für einen Moment die Augen und wiederhole diese Worte an dich selbst gerichtet. Wie fühlt sich das an? Während die einen jetzt vielleicht lächelnd vor ihrem Bildschirm sitzen, weil sie ein Gefühl von Zuversicht und Selbstvertrauen verspüren, machen andere vermutlich genau die gegenteilige Erfahrung: die Worte stoßen auf so viel Widerstand, dass sie mit einem Gefühl von Selbstablehnung und Unsicherheit einhergehen. Dies macht deutlich, dass Affirmationen etwas sehr Individuelles sind und es einer differenzierten Betrachtung aus verschiedenen Perspektiven bedarf.



Was sind eigentlich Affirmationen und wie funktionieren sie?

Unter Affirmation (bzw. positivem Glaubenssatz) versteht man einen selbstbejahenden Satz, den man sich selbst wieder und wieder sagt, um die eigenen Gedanken Schritt für Schritt umzuprogrammieren. Aussagen, Situationen oder Handlungen sollen dabei positiv bewertet werden. In der Psychologie werden Affirmationen im Rahmen der kognitiven Umstrukturierung genutzt und stellen folglich eine mögliche Methode zur Veränderung von Gedanken, Gefühlen und Verhaltensweisen dar. Studien zu Folge haben wir täglich über 60.000 Gedanken, auf die wir jedoch kaum einen Einfluss haben. Rufen wir uns bestimmte Affirmationen immer wieder in unser Bewusstsein, können wir diese 60.000 Gedanken beeinflussen[1]. Da Denken, Fühlen und Handeln wechselseitig zusammenhängen, können Affirmationen folglich alle drei Komponenten langfristig prägen. Ziel der kognitiven Umstrukturierung ist es, die Gedanken so zu verändern, dass es zu Veränderungen im Verhalten und nach einiger Zeit auch Veränderungen in den damit einhergehenden Gefühlen kommt. Wissenschaftliche Studien belegen, dass wir unser Gehirn so Schritt für Schritt umprogrammieren können: Sätze, die wir regelmäßig wiederholen können bestimmte Verbindungen im Gehirn stärken und zu automatischen Gedanken werden, die wiederum mit automatischen Verhaltensweisen, Gefühlen und Bewertungstendenzen einhergehen[2]. All dies geschieht jedoch vor dem Hintergrund bereits bestehender, tief verankerter Glaubenssätze aus unserem bisherigen Leben.


Ein Beispiel:

Klara hat als Kind sehr viel Fürsorge erfahren.

Ihre Eltern waren überaus beschützend und haben ihr viel Verantwortung abgenommen.

Auch, wenn sie dies aus Liebe zu ihr taten, konnte Klara durch die Überbehütung nie lernen, für sich selbst einzustehen und eigenverantwortlich zu handeln.

Über die Zeit hat sie so folgende Glaubenssätze verinnerlicht: „Ich kann das nicht alleine schaffen“, „Ich traue es mir nicht zu, Verantwortung zu übernehmen“ und „Ich bin schwach und auf die Hilfe von anderen angewiesen“.

Diese Sätze sind so tief verankert, dass sie das Denken, Fühlen und Handeln der mittlerweile erwachsenen Klara auch heute noch beeinflussen und ihr nicht selten Schwierigkeiten im Alltag bereiten. Während Klaras Freund*innen kein Problem damit zu haben scheinen unbekannte Menschen anzurufen, Aufgaben in einem Projekt zu übernehmen oder etwas alleine zu unternehmen, lösen diese Situationen bei ihr Gefühle der Hilflosigkeit, Ohnmacht und Überforderung aus.


Doch wie können Affirmationen Klara nun helfen, diese Glaubensätze zu verändern und warum reicht es nicht, sich einfach immer wieder zu sagen, dass sie stark sei und alles schaffen könne?


Affirmationen

 

How-Not-To

How-To


Nutzt man Affirmationen, um Probleme zu bearbeiten und etwas Unerwünschtes zu vermeiden, sollte das Problem in ein Ziel umgewandelt werden: Was will ich stattdessen? Außerdem gilt es sich bewusst zu machen, dass Affirmationen langfristig wirken sollen und nicht direkt. Ausgewählte Glaubenssätze müssen nicht dauerhaft und zu jeder Zeit wiederholt werden, sondern so, wie es sich für dich gut anfühlt. Einige Menschen schildern in ihren Erfahrungsberichten, dass es ihnen kurzfristig schlechter ging, bevor es besser wurde[4]. Lass dich nicht unter Druck setzen und betrachte das Ganze als einen Prozess. Viel wichtiger als die Intensität ist die Kontinuität. Viele Menschen hören auf, ihre Affirmationen zu wiederholen, sobald sie nach kurzer Zeit eine oder auch keine Veränderung spüren. An diesem Punkt haben sie zwar begonnen, ihre neuen Glaubenssätze zu verinnerlichen, aber alte Verhaltensweisen und Gefühle sind so tief verankert, dass sie sich noch immer oder immer wieder durchsetzen können.


Letztendlich sind Affirmationen also etwas sehr Individuelles. Ob positiv oder neutral, direkt oder indirekt, laut ausgesprochen oder leise im Kopf wiederholt – was sich für dich in deiner jeweiligen Situation gut anfühlt, kannst du nur herausfinden, indem du es ausprobierst! Wichtig ist dabei immer, dass es nicht darum geht, dir eine positive Mentalität aufzuzwingen, sondern dir selbst ein gutes Gefühl zu geben. Welche Sätze fühlen sich in diesem Moment gut an, wenn du sie zu dir selbst sagst?



Quellen